MESSIES

Vorwort

Die Zielgruppe dieses Textes sind Therapeuten, Sozialarbeiter etc.

14.12.1999 Dieser Text entstand, nachdem 6 Messies aus 3 Gruppen bei einem Videoabend zum Thema Notizen und Erfahrungen gesammelt haben. Ich habe diese Notizen in einen Text gebracht, der nocheinmal durchgesehen und geprüft werden soll.

29.+30.12.1999 Auf der "Messies 2000 - Wo geht es hin?" - Veranstaltung werden einige Formulierungen verbessert, Vermutungen überprüft. Da dies messietypisch nicht beendet wurde, sind die noch nicht überprüften Absätze in Klammern.

Was ist ein Messie

Das Wort "Messie" ist die Verniedlichung von englisch mess, Chaos, Unordnung, Schwierigkeit. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff durch Bücher der Amerikanerin Sandra Felton populär. Messies leiden darunter, insbesondere im privaten Bereich, keine zeitliche und oder räumliche Ordnung herstellen oder halten zu können, in der sie sich wohl fühlen. Dieses "Unwohlsein" kann durchaus die lebenseinschränkenden Ausmaße einer Krankheit annehmen. Messies sind vor allem Betroffene, die sich zusammengefunden haben (April 2000 in über 60 Selbsthilfegruppen in Deutschland). Es gibt noch so gut wie keine wissenschaftliche Definition, geschweige denn Erklärung oder gar Behandlungsmethode.

(Das Messie-Problem dürfte so alt sein, wie die Menschheit. Jedoch haben erst die neueren Entwicklungen in der Gesellschaft zu einer Verschärfung und Häufung geführt: die Waren -, Informations - und Betätigungs - Angebotsvielfalt ist explosionsartig gewachsen. Wer früher so vielseitig interessiert war, ist heute chancenlos überfordert. Andererseits ist es heutzutage auch möglich, mit immer weniger privatem zwischenmenschlichem Erfahrungsaustausch zu leben.)

Messies sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Viele von ihnen sind überdurchschnittlich mit "Ordnung" beschäftigt und im Beruf oft perfekter als andere. Egal ob als Lehrer, Kellner oder Manager.

Es gibt 4 Chaos-Phänomene bei Messies

  1. äußerlich unauffällig - normal, Ordnung ist jedoch ein ungewöhnlich wichtiger Teil des Lebens, sie zu halten wird als Qual empfunden
  2. Zeit: z.B. Unpünktlichkeit und Versäumen wichtiger Termine
  3. Papier: Horten von Papieren, Notizen, Zeitungen / Artikeln
  4. Sammeln: Horten von Gegenständen / zwanghaftes Kaufen

Das Sammeln / Horten / Nicht-Wegwerfen kann bis zur Vermüllung führen. Die meisten Messies befinden sich aber in einem recht stabilen Höllenzustand irgendwo zwischen "äußerlich unauffällig" einerseits und der (1999) in den Medien gern zur Schau gestellten Vermüllung andererseits.

Es leiden an: Messies Normal
Depressionen 42,55% 1 bis 9 %*
Essstörungen 34,04% 1 bis 3 %*
Ängsten 24,82% 3 bis 13 %*
* je nach Definition

Vieles, was anderen leicht fällt, fällt Messies besonders schwer, wie wegräumen, abwaschen etc. Es bestehen große Entscheidungsschwierigkeiten bei alltäglichen Kleinigkeiten und, selbst wenn äußerlich unauffällig, gibt es ein Gefühl "Ich habe versagt". Daraus folgt eine Scham, die oft im Privatleben zur sozialen Isolation führt.

Die "Fangfrage" lautet: Wie fühlen Sie sich in ihrer Wohnung / können Sie jederzeit Besuch empfangen?

Der folgende Text bezieht sich vor allem auf die Symptome Horten und Papier, da sie äußerlich am auffälligsten sind.

Auslöser / "Ursache"

Auslöser sind Überforderungssituationen für innerlich eher verunsicherte Persönlichkeiten. Überforderungen z.B. bezüglich Leistungsvermögen, Wissen, Besitz, Können. Diese können entstehen aus z.B. angeborenen oder erworbenen individuellen Schwächen oder allgemein offensichtlichen Belastungen. Hochzeit, Geburt, Trennung, auch Infektionen kommen z.B. in Frage.

Ausführungen

Auf die Überforderung hin schotten sich Messies mit der Zeit systematisch von der Umwelt ab. Parallelen zum Aufmerksamkeits - Defizit - Syndrom (ADS) werden hier deutlich. Viele ADS-ler sind auch Messies und umgekehrt.

Das Phänomen ist "Umgebungs/Ortsgebunden", d.h. es konzentriert sich in der Regel auf das Privatleben in der eigenen Wohnung. In Beruf und Freizeit sind Messies eher unauffällig. Mir sind nur zwei Fälle von möglicherweise Papiermessieverhalten im Beruf bekannt.

Eine auslösende Überforderungssituation wird oft durch Teufelskreise selbst wieder hergestellt und beständig erhalten. Z.B. durch den typischen Perfektionismus, dem man selbst nicht gerecht werden kann. Nach dem durchaus vernünftigen Motto: etwas, was man nicht schaffen kann, erst gar nicht anzufangen - wird aus einem "Tasse abwaschen" z.B. eine "Komplette Hausputz Idee" was in der aktuell gegebenen Zeit nicht schaffbar ist - die Tasse bleibt dreckig stehen.
Darunter leiden Messies massiv, fühlen sich minderwertig, weil sie sich einer als normal dargestellten Aufgabe nicht gewachsen fühlen.

Messies erleben sich mehr als passiv in einer auf sie einstürmenden Welt und weniger als aktiv ihr eigenes Leben frei gestaltend.

Die selbstschützende Ablehnung weiterer als fordernd erlebter Situationen und oder Personen dürfte auch der Grund für eine auffällige Feindseligkeit bei Messies sein.
(Eine Feindseligkeit kann auch von einer aus der Unsicherheit entstehenden Angst, wer ist Freund oder Feind genährt werden. Eine Solche spaltet z.B. zur Zeit (1999) die Messie-Selbsthilfe-Bewegung in zwei Lager.)
Die eigenen Anstrengungen den äußeren Anforderungen zu genügen, dürften der Grund für eine im Gegenzug konsumierende, von anderen fordernde Haltung sein.

Öfters unangemessen schlechte Rechtschreibung, insbesondere mit sehr langsamem Schreiben, einerseits oder auffällig gute mit Sprachtalent andererseits sowie verschleppte Trotzphasen mit hoher Angepasstheit können auf eine vor dem vierten Lebensjahr liegende Ursache deuten. Auf eine sehr frühe Ursache deutet ebenso die Verunsicherung, ein Mangel an Urvertrauen.

Das Nichtgesehenwerden der überforderten Person dürfte der Grund sein, warum sich im Gegenzug die Person durch Tätigkeiten oder durch diese repräsentierende Gegenstände selbst identifiziert. Dies würde auch die häufige "zwanghafte" Wichtigkeit der Beschaffung bestimmter Gegenstände teilweise erklären.

"Müll (Unordnung) schützt den Messie vor Identitätsverlust." Es darf auf keinen Fall mit Druck zum Aufräumen gedrängt werden, sonst muß in der Regel mit massivstem aktivem und vor allem passivem Widerstand gerechnet werden. Es wurde die Entwicklung von zwanghaften Verhaltensweisen beim "Aufräumen" beobachtet.
Frau Dr. Steins wies nach, daß Messies zu zwanghaftem Verhalten neigen, jedoch nicht zwangskrank sind.

Bei dem "unordentlich" Herumliegenden handelt es sich um Denkmäler für Aktivitäten und Vorhaben. Es einfach "wegzuräumen" würde entweder das starke Pflichtbewußtsein des Messie zutiefst verletzen, oder ihn seiner Hobby-Aktivitäten und "letzten Freiheiten" berauben. In jedem Fall ist es ein enormer Eingriff in seine Privatsphäre.

Burkard Ciupka, DGZ, zum Thema Sammelzwang: "Ein Neu-/Umlernen muß von der Person selbst gewollt werden. Gegen Hilfe von außen muß mit ausgesprochen viel Widerstand gerechnet werden."

Die Ablehnung von äußeren Kontakten oder Hilfe, aus Angst vor Überforderung, führt zu einem Mangel an Orientierung, was wichtig / unwichtig - richtig / falsch ist. Viele Messies glauben nicht, daß es andere mit den gleichen Problemen gibt! Oft werden Dinge und vor allem Papiere oder Notizen für einen sehr unrealistischen "Fall aller Fälle" aufbewahrt, und dabei aber meist nicht einsortiert. Es gibt schon vorher starke Ängste, die sich so noch verstärken. Außenstehende erleben Messies als leicht ablenkbar und ohne Durchhaltevermögen. In Ruhe gelassene Messies können jedoch stundenlang konzentriert Arbeiten. Objektiv wichtige Arbeiten scheitern jedoch oft an einer starken Angst vor falschen Entscheidungen, Fehlern, Blamage.

Die Menge der Aufgaben in der permanenten Überlastungsempfindung führt zwangsläufig zur Wichtiger-Unwichtiger-Frage bei jeder einzelnen Tätigkeit. Deshalb wird vieles abgebrochen, weil anderes als dringender eingestuft wird. Vieles wird wegen der Dringlichkeit anderer Angelegenheiten auch von vornherein als provisorisch konzipiert, was wiederum nach einer späteren ordentlicheren Ausführung verlangt und dem "jetzigen" Fertigmachen entgegensteht. Dies alles führt zu einer permanenten Erhöhung des Unerledigten bzw. Anforderungsberges.

Lösung / Therapie

Messies brauchen Hilfe, wohlgemerkt keine Haushaltshilfe, denn das würde ihr Problem nicht lösen! Im Gegenteil: der Privatbereich / Wohnung ist oft stark schambelastet, Eingriffe / Verletzungen in diesem Bereich müssen entsprechend vermieden werden. Sie brauchen

  1. die innere Bereitschaft, ihr unter harten Bedingungen erlerntes Verhalten zu ändern und Hilfe anzunehmen.
  2. Hilfe in Form von
    1. vor allem Verständnis und Akzeptanz
      1. durch die Gesellschaft mit anderen Menschen mit gleichen Problemen, was durch eine Selbsthilfegruppe sehr gut vermittelt werden kann.
      2. oft auch einen liebevollen Freund, der gut zuhört und nicht bewertet, der Lösungen aufzeigt und realisieren hilft, der jedoch keine Anforderungen stellt, lehrmeistert oder Erfolgszensuren vergibt. (Eine "Vaterfigur", die nicht dazwischenquatscht, sondern erst redet, wenn sie gefragt wird.)
    2. eine spezielle Verhaltenstherapie, in der
      1. an den irrationalen - nicht hilfreichen - selbstschädigenden Gedanken gearbeitet wird.
      2. zeitgleich dazu ein Verhaltensplan erstellt wird.

(Ein analytischer Ansatz oder stationäre Behandlung scheinen eher weniger Erfolg versprechend, da das Problem "Umgebungs/Ortsgebunden" ist.)

Erfolgsberichte

beobachtet im Bereich unserer Selbsthilfegruppen


X1 besuchte einmal eine Gruppe und sah, daß es anderen genauso geht. X1 wählte sich dann zwei Aufräumhelfer aus der Kirchengemeinde und schaffte Ordnung.
Weiteres ist nicht bekannt.


X2 leitete längere Zeit eine Messie-Selbsthilfegruppe. X2 wechselte die Gruppe, um die Leitung loszuwerden. In der neuen Gruppe fand sich nach 2 Monaten ein Aufräumpartner, der stundenlang nur dasitzt und Tee trinkt, während X2 "wie wahnsinnig" aufräumt.
Es ist nach ein paar Wochen und insbesondere einer größeren Handwerkeraktion leider wieder unordentlich.


X3 schafft mit einem Aufräumhelfer notgedrungen etwas Ordnung, fällt aber immer wieder zurück. Nach Ende einer Ausbildung hat X3 mit einem anderen Aufräumhelfer bleibenden Erfolg. Das Papier-Ablagesystem wurde vom Helfer neu organisiert.
Die Ordnung ist immernoch stabil.


X4 hat nach einiger Zeit als Leiter einer Selbsthilfegruppe Erfolge anderer mit Aufräumhelfern beobachten können und lud wichtige Personen aus dem Berufsleben zu sich privat ein. Unter diesem bewußt und freiwillig selbstgemachten Druck kamen einige Selbsthilfegruppen - Mitglieder als Aufräumhelfer in die Wohnung und versetzten sie gemeinsam in mehreren Tagen Arbeit in einen "Normalzustand". Das Ordnungssystem für einige Akten zu entwickeln hat X4 komplett einigen Helfern übertragen. Auf die neue Ordnung ist X4 stolz und er kann sie eine Zeit lang aufrecht halten.
Im Rahmen von Renovierungsarbeiten ist es wieder zu Unordnung gekommen.


Anmerkung für Freunde eines Messie: Der Aufräumhelfer muß den Messie akzeptieren wie er ist und der Messie muß den Aufräumhelfer als Helfer statt als Forderer akzeptieren. Wer als Forderer in der Vergangenheit auftrat ist als Helfer für die Zukunkt disqualifiziert! Er kann jedoch andererseits als "Sparringspartner" für "Abgrenzung gegen Überforderungs - Übungen" unverzichtbare Hilfe leisten. Vorausgesetzt der Freund ist zu dieser Aufgabe bereit!

Zusammenfassung

In einer Überforderungssituation wird die Person des Messie von seiner Umgebung nicht wahrgenommen.
Er schottet sich von dieser Umgebung ab, die Überforderung jedoch wird verinnerlicht als Perfektionismus.

Die Person schämt sich die Anforderungen nicht erfüllen zu können, zieht sich zurück, wird unsichtbar.
Sichtbare Dinge und Tätigkeiten dienen oft als "Ersatzpersönlichkeit" und werden entsprechend heftig "beschützt". Es kann dem Perfektionismus nicht genüge getan werden und so bleibt die Scham erhalten. Das darausfolgende Abschotten / Zurückziehen führt zu Feedback-Mangel bezüglich Richtig-Falsch/Wichtig-Unwichtig - Entscheidungen. Alltägliche Kleinigkeiten werden zum Entscheidungsproblem und kaum bewältigt. Halbfertiges bleibt liegen, Dinge führen zur Unordnung, falschgewichtete Tätigkeiten zum Zuspätkommen und Termine verpassen. Die Alltagsroutine, die in der Überforderung zurücktreten mußte, wird nicht reaktiviert. Für den Messie ist die Welt im permanenten Ausnahmezustand.

Die alte Umgebung taugt derzeit nicht - falls sie es überhaupt je tat - Liebe und Akzeptanz beim Problem zu vermitteln. Es fehlt oft die rechtzeitige Wahrnehmung der Überforderung und eine wirksame Abgrenzung. Die Alltags - Basis - Routinetätigkeiten sind in Ausführung und Gewichtung vernachlässigt und müssen reaktiviert oder neu gelernt werden.


Anhang

Schriften zum Thema:

Fachliteratur scheint zur Zeit kaum zu existieren (Mitte2000), es sind jedoch mehrere Buchprojekte in Arbeit / angekündigt

Adressen von Personen / Instituten, die sich mit dem Thema befassen:

Zur Zeit ist mir leider nichts offizielles bekannt!

Hinweise erbeten unter:

noch offene Stichworte

viele Messies haben Teilleistungsschwächen / -begabungen. Diese sind auf individuell ganz verschiedenen Gebieten, es sind noch keine typischen Muster bekannt. Aber oft ist das, was für den einen (in einer Situation!?) gut ist, für den anderen genau verkehrt.

ADHS und Messies, Stand April 2000: Es gibt diverse Überschneidungen. Frau C. Neuhaus, Esslingen, ADHS - Fachfrau hat den Begriff Messie auf dem Vortrag am 31.03.00 in Wolfsburg synonym mit ADHS bei Erwachsenen benutzt. Dies halte ich nur für bedingt zutreffend: ADHS scheint oft ohne die messietypische "Blockade" aufzutreten. Es scheint eindeutig Messies ohne ADHS zu geben. Scham ist bei Messies wesentlich gegeben, nicht so bei ADHS.

Messies wurden in einigen Kreisen der Fachwelt z.B. als Zwangskrank betrachtet und behandelt. Das dies höchstens in Einzelfällen als Comorbidität zutrifft, wurde durch die zur Zeit noch nicht schriftlich veröffentlichte Messie - Grundlagenforschung von Frau Dr. Steins eindeutig belegt.

Die Behandlungsvorschläge von Frau Dr. Steins und Frau Neuhaus haben auffällige Übereinstimmungen.

In einer sich verändernden Gesellschaft tauchen neue Schwierigkeiten auf, genauer gesagt werden alte deutlicher oder erst jetzt sichtbar. "Messie" wird zur Zeit praktisch nur von Betroffenen auf Selbsthilfebasis bearbeitet. Überzeugendes aus Wissenschaft und Forschung steht zur Zeit noch aus.


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