Suchthilfe

Co-Alkoholismus

Sucht, spez. Alkoholismus,  aus Sicht der Co - Beteiligten:

Unter Co - Beteiligten ist hier nicht nur der nächste Angehörige gemeint, sondern vielmehr möchte ich ihn als Oberbegriff für all diejenigen benutzen, die mit Alkoholikern beruflich und privat zu tun haben.

Der Alkoholiker, der sogenannte "Süchtige" ist in ein Öko - und Feed - back - System von unzählig vielen "Co - Alkoholikern" ( Co - Süchtige ) untrenn - und unentrinnbar einverwoben. Zum größten Teil sind die Co - Alkoholiker gestörter, "kränker", unglücklicher und damit - ohne es zu wissen- hilfsbedürftiger als die manifesten Kranken, die Symptomträger! Alkoholiker und besonders die Co - Alkoholiker müssen als eine funktionelle Einheit gesehen werden, die in ihrer Eigendynamik die Störung "Alkoholismus" durch ihre Art der Pathobiose immer wieder unter veränderten Aspekten hervorbringen.

Der "Co - Alkoholiker bietet sich selbst dem "Alkoholiker", ob schon manifest oder nicht, als eine andere Variante des "Alkohols" als Ergänzung, als Sklave an und übernimmt für eine verfahrene, ausweglose Situation die Verantwortung, macht die Lebenslüge mit und identifiziert sich mit dem süchtigen, siechen, d.h. kranken Lebensmodell des Partners, das ihm selbst nicht so fremd ist. Sie bedingen einander, brauchen einander, missbrauchen einander und sind auf Gedeih und Verderb so lange miteinander verkettet, bis beide oder einer unter ihnen das "Scheißspiel" einfach nicht mehr mitmacht.

Die Krankheit "Alkoholismus" ist in der breiten Bevölkerung meistens noch gleichbedeutend mit "Charakterlosigkeit", "Willensschwäche", "Schande und Schuld". Jeder, der mit Suchtkranken in seinem engeren Umfeld zu tun hat, weiß wie schwierig es ist, nicht zum aktiven Mitspieler, "Co - Alkoholiker" der Krankheit zu werden. 

Ehepartner verfallen über Jahre und Jahrzehnte den Erklärungsversuchen und dem "unter den Teppich - Kehren", dem Herunterspielen, den überzeugend klingenden Alibis des anderen Partners. Jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen und ein Bild von dem Alkoholiker. In uns allen spukt mehr oder weniger ausgeprägt die immer noch nicht überwundene Vorstellung eines willensschwachen, amoralischen, haltlosen und sicher genetisch geschädigten Individuums, das oft nicht weit vom Bild des Penners und Berbers entfernt ist. So fällt es dem Co- Alkoholiker schwer, und ganz besonders den Lebenspartnern, im anderen einen Alkoholiker zu sehen.

Die Partner lügen, wenn die Polizei vor der Tür steht, die sie selbst oder die Nachbarn in einer verzweifelten, lebensbedrohlichen Situation gerufen haben, weil sie Angst vor der Unberechenbarkeit des Trinkenden und vor seinen oft wiederholten Drohungen haben. Sie erfinden abenteuerliche Geschichten und Ausreden, wenn sie mit oft erheblichen Verletzungen nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem Partner zum Arzt oder ins Krankenhaus kommen. Sie glauben immer wieder die herzerweichenden, theatralisch wirkungsvoll vorgetragenen und im Moment ernst gemeinten Versprechungen und Schwüre des anderen, morgen mit dem Trinken entgültig aufzuhören. Sie entwickeln einen kriminalistischen Spürsinn , Alkohol - und/oder Tablettenverstecke aufzuspüren und die für den Alkoholiker so unendlich schwer wegzuschaffenden leeren Flaschen ihm aus dem Weg zu räumen. Nimmermüde gießen sie den Inhalt von Flaschen in die Spüle und werfen Tabletten in die Toilette. Sie verständigen Geschäftsleute, dass sie keine Alkoholika mehr an die Angehörigen abgeben sollen. Sie bringen an den Flaschen heimlich nur für sie erkennbare Messmarken an.

Der Alkoholiker hat das schon längst herausgebracht und füllt die leere Flasche mit Wasser zur entsprechenden Höhe auf. Sie erfinden ohne Unterlass Ausreden, wie z.B. Grippe, Ischias, Arztbesuch, Zahnarzttermin, Tod eines Angehörigen, wenn der Betroffene nicht zum Dienst gehen kann, nur um seine Karriere nicht zu gefährden. Sie sagen Einladungen ab, um Entgleisungen zu vermeiden. Sie gehen von sich aus zu Ärzten, Familientherapeuten, Psychologen,  Psychotherapeuten, zu Beratungsstellen, Fürsorgern, Gesundheitsämter; sie machen endlose Wege, um Hilfe für den anderen - nicht für sich selbst - zu finden. Sie strengen sich daheim noch mehr an als sie es schon getan haben, wenden alle Unannehmlichkeiten von ihr oder ihm ab, beziehen die Kinder mit ein und verpflichten diese, alle nur möglichen Störungen zu vermeiden. Sie erzählen den Kindern, dass der Vater oder die Mutter überarbeitet sei, zu viele Sorgen und Stress hätten - auch ihretwegen -, betonen immer und immer wieder, dass alles besser werden würde, sobald die anstehenden Probleme gelöst seien. _ Und die Kinder, auch die kleinen, wissen bereits alles. Sie wischen weiter treu und brav Erbrochenes auf, nähen, waschen,  kommen für Schäden auf und zahlen unerwartete, unsinnige Rechnungen.

So fahren sie jahre - bis jahrzehntelang blind vertrauend, hoffend, leugnend, liebend auf dem Karussell der Misere mit. Im Herzen tragen sie die Überzeugung: Meine Liebe wird es schon schaffen. - Keiner der Außenstehenden bemerkt, wie die unmittelbar Mitbetroffenen fassungslos, ratlos, entsetzt, verzweifelt, hilflos, resigniert, rasend vor Wut, Todeswünsche im Herzen, sogar schlussendlich bereit geschüttelt von Abscheu vor sich selbst -, den andern im Erbrochenen ersticken zu lassen oder ihn kaltblütig umzubringen.

Die Kinder bekommen zu allen möglichen Stunden des Tages die Szenen mit, die sich zwischen Vater und Mutter abspielen, wenn einer oder sogar beide betrunken sind. Sie fangen an, die Ursache für den Zustand ihres Vaters / oder Mutter bei sich selbst zu suchen. Schon lange bringen sie keine Freunde und Schulkameraden nach Hause, weil sie den beschämenden Anblick des einen oder anderen Elternteils nicht zulassen wollen, weil sie den Schmach nicht ertragen können, Kinder von Säufern zu sein. Sie erleben wie der Vater oder die Mutter unberechenbar in ihren Reaktionen werden. Wie viele Kinder werden täglich gezwungen, den nötigen Stoff heranzuschleppen und immer weiter mitzulügen. Wie viele empfinden den Makel an sich selbst, ziehen sich zurück, finden sich abstoßend, erleben sich verfemt und können die Hänseleien und Sticheleien der Schulkameraden und auch die vorwurfsvollen blicke der Nachbarn nicht mehr aushalten. Sie ahnen schon sehr früh, was sich abspielt.

Hilf - und Ratlosigkeit herrscht ebenso bei den Nachbarn, wie oft auch bei den besten Freunden. Über Jahre beobachten sie und wissen alles, aber sind sich nicht im klaren, dass hier ein extremer Notzustand besteht. Sie fühlen sich nicht berechtigt, sich in den Familien bereich von anderen einzumischen. Meist helfen sie noch mit, die vorgebrachten Entschuldigungen des einen und des anderen Partners zu bestätigen. Hinter dieser Haltung steckt auch die Angst, mit einer ähnlichen Situation im eigenen Leben konfrontiert zu werden. So schwanken sie zwischen den Gefühlen von Mitleid, Abscheu oder Gleichgültigkeit.

Besonders "gute Freunde" und "Verwandte" bedauern den Co - Alkoholiker oder bestärken ihn in seinem eigenen Zweifel, nämlich das bild zu ernst zu nehmen, gewaltig zu übertreiben. Sie trösten, dass alles wieder in Ordnung kommen werde, sobald die anstehenden Probleme gelöst seien. Sie bestärken den Co - Alkoholiker darin, dass ein so netter Mensch auf keinen fall ein Alkoholiker sein könne. Auch sie haben ihr Klischeebild vom Alkoholiker. Auch sie haben ihren "Alkohol", ihre Haltung des Ausweichens und der Flucht.

Bei gesellschaftlichen Anlässen, im "Betrieb" bei "Vereinen" beobachten immer wieder viele, dass der eine oder andere "über den Durst trinkt", sich in seinen Reaktionen abnorm verändert, entweder entgegen seinem sonstigen Verhalten zulässige gesellschaftliche Grenzen übertritt oder sich auffällig zurückzieht, sitzen bleibt, wenn alle anderen schon gegangen sind. Auf dem Boden der Vereinskollegialität wuchern dann ganz üppig die Rationalisierungen und Bagatellisierungen.

Die Kindergärtnerinnen erleben oft deutlich, dass das eine oder andere Kind verschüchtert und verängstigt ist, einen Sprachfehler hat, einnässt, Essstörungen aufweist und häufig auch Zeichen von Misshandlungen. Sie spürt deutlich, dass die Mutter auf direkte Fragen hin ausweicht.

Die  Lehrer sind in einer ähnlichen Situation. Sie erleben die Lernschwierigkeiten und die Unkonzentriertheit wie auch die Verängstigung und den damit verbundenen Leistungsabfall. Viele haben beobachtet, wie die Schulkameraden das betreffende Kind auslachen und hänseln, weil der Vater oder die Mutter Trinker sind. 

Die Ärzte stehen an einer verantwortungsvollen Stelle und können entscheidend dazu beitragen, ob der "Alkoholismus" im gesamten betroffenen Umfeld frühzeitig erkannt wird und alle Betroffenen, oder ob sich die Hilfesuchenden in dem unübersichtlichen Gestrüpp unserer Ansichten und Meinungen weiterhin verstecken können. Bei den Verordnungen mancher Ärzte möchte man den Schluss ziehen, dass diese den Alkoholismus für eine Valium -, Distraneurin - Mangel - Erkrankung halten. So sind Ärzte dazu übergegangen, von einem "sekundären Alkoholismus" zu sprechen, dem ein komplexes, unbewusstes Konfliktgeschehen zugrunde liegt. Diese Ansicht jedoch verschiebt den Akzent auf das innerpsychische Konfliktgeschehen und nicht auf eine bedingungslose Kapitulation ( surrender ), auf die totale Abstinenz ( TA ), die als Vorraussetzung zur Genesung anzusehen ist. In einer ähnlichen Situation wie der Hausarzt ist der Psychiater, Neurologe, Chirurg oder Internist. Oft lassen sie sich durch die Angaben des Trinkenden irreführen. Unzählige Alkoholiker liefen über Jahre unter den verschiedensten Diagnosen wie neuro - vegetative Dystonie, Herz - Kreislauf - Neurose, Magen - Darm - Katarrh, durch die Praxen und Krankenhäuser. Wie viele Gefälligkeitsatteste sind über Jahre hinweg Alkoholikern ausgestellt worden, damit ihre berufliche Laufbahn und Karriere keinen Schaden nimmt. Und der Alkoholiker findet schnell heraus, bei welchem Arzt er ein entsprechendes Attest bekommen kann. Doch jeder Arzt weiß, dass, wenn er das Attest nicht ausschreibt, irgend ein anderer Arzt das tun wird. Das bedeutet, dass viele, die verzweifelt nach Hilfe suchen, sich weiter belügen müssen.   

Apothekern die sich meist nach mehreren Berufsjahren eine ausgezeichnete Menschenkenntnis angeeignet haben, kann es nicht entgehen, dass ihnen nach und nach bekannt werdende Personen größere Mengen Schmerz - und Beruhigungsmittel, Schlaftabletten, Hustensirup kaufen und die deutliche Fascies alcoholica ( Alkohol - Gesichter ) und das entsprechende Auftreten haben. 

Arbeitgeber , Mitarbeiter und Kollegen am Arbeitsplatz, decken oft über Jahre und Jahrzehnte verdiente und bewährte Mitarbeiter und liefern die entsprechenden Entschuldigungen für sein Trinken auch für den Arbeitsunfall, nur um seiner Karriere nicht zu schaden, nichtsahnend, dass sie den Betreffenden an der Früherkennung seiner zum Tode führenden Störung hindern und vereiteln, dass er in einem Genesungsprozess über die Krise zu einem erfüllten Leben kommt. 

Alkoholiker, die nicht mehr trinken, also trocken geworden sind, aber noch nicht nüchtern, können - ohne dass sie es oder die anderen merken - zum Co - Alkoholiker eines anderen Alkoholikers werden. Es wird daher in den Gruppen der AA den Neulingen empfohlen, zunächst über Monate zuzuhören und dazu die "Watte aus den Ohren zu nehmen und in den Mund zu stecken".                                                              (Walter H. Lechler: Nicht die Droge ist`s )

Oft ist es gerade der Partner, die Familie, der Arbeitgeber oder die Polizei, welche den Führerschein nach einer Alkoholfahrt einbehalten hat, die auf den vermehrten Suchtmittelkonsum reagieren und auf die veränderten psychischen oder sozialen Verhaltensweisen reagieren. Sehr oft werden die Betroffenen aus ihrem sozialen Umfeld "motiviert" oder überredet, etwas an ihrem Suchtproblem zu tun. Ein erster Schritt zur Veränderung kann eine stationäre Entgiftung sein.

Oft höre ich bei der Aufnahme: "Ich will das Ding jetzt weghaben", so als sei eine Abhängigkeit wie ein Geschwür operativ zu entfernen und "Ich zieh dass jetzt durch", so wie ein Boxer, der schon ein paar mal während seines Kampfes in die Knie gegangen ist und eigentlich das Handtuch werfen sollte.

So laufen sie ins "Trockendock" (gemeint ist eine Entgiftungsstation in der Psychiatrie) mit ca. 1,5 bis 4 Promille ein: ( Einige kommen auch ohne Promillezahl! )

die "Freiwilligen" ( Ich will das Ding jetzt weghaben... ), die Distanzlosen ( welche gleich die Schwester im Aufnahmegespräch anbaggern... ), die Sprücheklopfer ( Kenner trinken Württemberger...), die Edelalkoholiker ( Ich trink ja nur Champagner... ), usw... 

Die "Notaufnahmen" ( Ehemann hat im Suff seine Frau geschlagen...), die Suizidalen ( Ich wollte mich umbringen... ), die Aggressiven ( hat wie wild um sich geschlagen...), die Hilflosen (  wurde ohnmächtig aufgefunden...), die Abgebauten ( Korsakow Syndrom,...), die Mehrfacherkrankten ( Psychose und Sucht...)

Die "Drehtürpatienten" ( gehören fast schon zum Inventar der Station...). Hr. Sch. ist schon 100 mal im Haus gewesen, so bald er Gruppenausgang hat und keine großen Entzugserscheinungen mehr zeigt, legt er sich das Handtuch um den Hals und verlässt mit der Gruppe die Station, um zum Wassertreten zu gehen. Außerhalb der Station übergibt er das Handtuch einem Mitpatienten, mit der Bitte, dieses doch einem Pfleger zu geben, er geht jetzt.

Die "Drogis" (   sie stehen oft vor der Alternative: Knast oder Therapie? ), die "Mehrfachabhängigen",
( Tabletten, Essen, usw...).

Ich arbeite auf einer Entgiftungsstation, welche der Aufnahmepflicht unterliegt und somit keine Patienten abweisen kann. Wir führen einen "Qualifizierten Entgiftung" durch, der sich nicht nur auf die körperliche Entgiftung beschränkt, sondern schon in einem frühen Stadium, den Leidensdruck des Suchtkranken, als "Motivationshebel" benutzt, um in Einzelgesprächen und in der Gruppe, weitere Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen. Auch die sogenannten "Profis" können zum Mitspieler, zum Co - Alkoholiker werden, wenn sie sich und ihre Arbeit nicht regelmäßig reflektieren.

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