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Wie erkennt man und behandelt man Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit?

Gliederung:
Vorbemerkung:
Frage 1: Wie wird der Alkoholmissbrauch diagnostiziert?
Frage 2: Wie geht man als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin am besten mit Alkoholkranken um?
Frage 3: Welche Therapie wird von Ärzten und Ärztinnen oder Therapeuten und Therapeutinnen angewandt?
Zusammenfassung:
Test:


Vorbemerkung:
Als Literatur wird vor allem verwendet:
Lothar Schmidt
Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch
Stuttgart, Berlin, Köln 1997, 4. Auflage


Frage 1: Wie wird der Alkoholmissbrauch diagnostiziert?

Fragebogen zur Selbstbefragung
Viele Menschen trinken zu viel Alkohol. Das ist bei allen auf die Dauer schädlich. Aber nicht alle diese Menschen sind alkoholkrank. Einige Menschen trinken relativ wenig und sind doch alkoholkrank. Das heißt, wenn sie trinken können sie nicht mehr aufhören. Diese Krankheit kann von der Medizin bis heute noch nicht vollständig erklärt werden. Man geht davon aus, dass es so etwas wie einen vererbten Schalter gibt, der bei manchen vorhanden ist und bei anderen nicht und der zu irgendeinem Zeitpunkt eingeschaltet wird. Das ist vergleichbar einer Allergie, die ebenfalls angelegt ist und irgendwann ausgelöst wird. Ab da muss man den Allergie-erzeugenden Stoff strikt meiden. So ist das auch bei der Alkoholkrankheit. Die Alkoholkrankheit ist von allen Sozialversicherungsträgern als Krankheit anerkannt und ist - wie zum Beispiel Krebs - durchaus heilbar, führt aber unbehandelt zum Tode (in der Bundesrepublik etwa 40 000 Tote pro Jahr).

  • Bedroht das Trinken Ihren Arbeitsplatz ?
  • Befanden Sie sich wegen ihres Trinkens schon in ärztlicher Behandlung?
  • Beginnen Sie zu schwitzen, wenn Sie über eine längere Zeit hinweg keinen Alkohol trinken?
  • Benötigen Sie Alkohol zu bestimmten Tageszeiten?
  • Hat sich Ihr täglicher Alkoholgebrauch gesteigert?
  • Ist es für Sie zur Selbstverständlichkeit geworden, am nächsten Morgen wieder ein Glas zu trinken?
  • Meinen Sie manchmal, Sie könnten Ihre Arbeit (ihr Leben) nur mit Alkohol ertragen?
  • Können Sie nicht mehr aufhören, wenn Sie begonnen haben, auch nur kleine Mengen zu trinken?
  • Lehnen Sie es ab, über Alkohol zu diskutieren, weil Sie ein schlechtes Gewissen haben (könnten)?
  • Sind Ihre Gedanken zu den unmöglichsten Zeiten beim Alkohol?
  • Stärken Sie sich vor der Arbeit bereits morgens am Kiosk oder in einem Lokal mit Alkohol?
  • Suchen Sie häufig im Alkohol Vergessen?
  • Trinken Sie aus Trotz und um zu beweisen, dass Sie Ihre eigenen Entscheidungen treffen?
  • Trinken Sie die ersten Gläser Alkohol immer schnell, um die Alkoholwirkung schnell zu spüren leer?
  • Trinken Sie heimlich?
  • Vernachlässigen Sie Ihre Arbeit wegen des Alkohols?
  • Zittern Ihre Hände und schwitzen Sie,  wenn Sie eine gewisse Zeit keinen Alkohol einnehmen?

Welche äußeren Anzeichen begründen eine Vermutung, es könnte eine Alkoholkrankheit vorliegen? Es müssen immer mehrere erfüllt sein!

  • Regelmäßige morgendliche Fahne oder Pfefferminz-überdeckter Alkoholgeruch
  • Morgendliches Zittern, das im Laufe des Tages verschwindet
  • Schnelles Trinken der ersten Gläser.
  • Regelmäßiges Letzter-Gast-Sein und Nicht-Aufhören-Können
  • Graue, teigige Haut.
  • Geplatzte Äderchen um einen zentralen Roten Punkt herum (spider naevi).
  • Auffällig rote Handflächen (Palmarerythem).
  • Wie Sanduhren vergrößerte letzte Fingerglieder (Sanduhrnägel).
  • Lippen oder Zunge, die wie lackiert aussehen (Lacklippen, Lackzunge)

Die Suchtfibel im Internet gibt folgende selbstdiagnostische Hinweise:

Welche körperlichen Hinweise auf Alkoholprobleme sollte man ernstnehmen?

Veränderungen körperlicher Art sind oft ein besserer Hinweis auf Alkoholprobleme als Verhaltensänderungen und psychosoziale Probleme. Auch die folgenden körperlichen Symptome können zwar geleugnet werden, aber der Betroffene selbst hat sie in der Regel doch besser registriert als seine psychischen Veränderungen. Jeder der folgenden Punkte für sich allein kann auch andere Ursachen haben. Wenn jedoch mehrere davon zutreffen, liegt sehr wahrscheinlich ein Alkoholproblem vor.

  • Appetitstörungen (besonders morgens), trotzdem anfangs Gewichtszunahme (Alkoholkalorien), später deutlicher Gewichtsverlust, bis hin zur Abmagerung. Verdauungsbeschwerden aller Art, vor allem anhaltende Verstopfung oder noch häufiger wässriger Durchfall, Blähungen, Völlegefühl, Aufstoßen.
  • Übelkeit und Brechneigung, besonders morgens (Trockenwürgen).
  • Unausgeruht, müde und zerschlagen, nach meist unruhigem Schlaf mit häufigem Aufstehen.
  • Unspezifisches Durstgefühl.
  • Ausgeprägte Schweißneigung (auch tagsüber) ohne große Anstrengungen.
  • Stechen und Klopfen in der Herzgegend, Unregelmäßigkeit von Herzschlag und Atemfrequenz,
  • Schwindel, Schwächezustände, Kreislaufstörungen mit Kollapsneigung, gelegentlich sogar Anfälle von "unklarer" Bewusstlosigkeit (kein Krampfanfall).
  • Atemnot, chronische Bronchitis.
  • Oft "unklare" Entzündungen von Nase, Nebenhöhlen, Rachen, Luftleitern, Lunge,
  • Magen-Darm-Schleimhaut (gelegentliches Erbrechen von Blut), Bauchspeicheldrüse, Gallenblase, Harnblase, Vorsteherdrüse u.a.
  • Leichtes Drücken unter dem rechten Rippenbogen (Lebervergrößerung), besonders bei vorgebückter Haltung.
  • Nachlassen von sexuellem Verlangen und Potenz.
  • Stechen, reißende Schmerzen an den Beinen, Missempfingungen
  • (Ameisenlaufen, Kribbeln, Taubheit) an Armen und Beinen, brennende Fußsohlen
  • (bei Bettwärme), Schwäche in den Armen, vor allem Beinen,
  • gelegentlich Seh- und Pupillenstörungen
  • bisweilen Stimmänderungen (rauer, tiefer).
  • Schwammiges und aufgedunsenes Gesicht mit Neigung zu Hautveränderungen, beginnende Trinkernase (Rhinophym).
  • Nicht selten grau-bräunlich bis blässlich-bräunlicher Grundton der Haut, Hautschrumpfung durch Schwund des Bindegewebes unter der Oberhaut, Bildung sogenannter Pergament- oder Geldscheinhaut, weiße Flecken auf der Streckseite von Armen und Beinen.
  • Augenbindehautentzündung (Rötung und Schwellung, starke Absonderung).
  • Zahnschäden.
  • Kopfbehaarung beim Mann eher dicht, bei der Frau zunehmend brüchig und struppig.
  • Brustentwicklung und typisch weibliche Schambehaarung beim Mann (Hormonverschiebungen).
  • Zunge oft braun-weißlich belegt.
  • Feinere bis gröbere Gefäßerweiterungen im Gesicht.
  • Sogenannte Gefäßspinnen (rote spinnenartige Gefäßsternchen, die auf Druck ablassen, sich jedoch sofort wieder füllen) im Gesicht und am oberen Schultergürtel.
  • Rötungen am Daumen- und Kleinfingerballen.
  • Korkenzieherartig gewundene Gefäße in der äußeren festen Hülle des Augapfels, der sogenannten Lederhaut.
  • Nägel weiß oder opak gefärbt, mitunter mit Querbändern.
  • Neigung zu Hautblutungen mit zum Teil großflächigen Blutergüssen, zumeist in der Gegend von Schulter und Becken (Rausch; alkoholbedingt häufiges Anstoßen, Blutbildveränderung).
  • Erst feinschlägiges, dann stärkeres Zittern von geschlossenen Lidern, herausgestreckter Zunge, gespreizten Fingern, später eventuell sogar beider Arme.

Quelle: Ralf Schneider. Die Suchtfibel. 1996 Röttger-Schneider-Verlag.

Hier einige Auszüge aus Lothar Schmidt zum vertieften Verständnis:
Lothar Schmidt
Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch
Stuttgart, Berlin, Köln 1997, 4. Auflage

5. Diagnostik der Alkoholkrankheit

5.1 Allgemeines

Alkoholkrankheit verbirgt sich hinter zahlreichen funktionellen Störungen und Krankheitsbildern verschiedener Gesichter und ist deshalb in das differentialdiagnostische Denken einzubeziehen. Fließende Übergänge zwischen Alkoholkonsum, Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit komplizieren die Abgrenzung Alkoholkranker in einer alkoholpermissiven Gesellschaft. Außerdem wird die Diagnosestellung, die nur bei fortgeschrittenem Krankheitsbild leicht ist, durch Abwehr des Patienten erheblich erschwert, der seine Realität in der Regel nicht akzeptiert, verdrängt und somit verkennt.

Um Alkoholkranke zu diagnostizieren und zu identifizieren, benötigt der Arzt nicht nur ausreichende Kenntnisse über Wesen, Formen, Entwicklung und Folgeschäden der Alkoholkrankheit, sondern auch eine annehmende, einfühlende und verstehende Haltung, die dem Patienten gestattet, Ängste und Abwehr zu reduzieren, eigene Realität anzunehmen und sich mitzuteilen. Da sich in den Frühstadien der Alkoholkrankheit somatische Folgeschäden nach Trinkpausen rasch zurückbilden und selbst ausgeprägte alkoholinduzierte Organschäden nach jahrelanger manifester Alkoholabhängigkeit weitgehend unspezifisch und somit zur Sicherung der Diagnose nur bedingt relevant sind, ist der Arzt auf Angaben des Patienten angewiesen. Erhebungen von körperlichen, seelischen und sozialen Schäden, die eine alkoholtoxische Genese vermuten lassen, gestatten erst im Zusammenhang mit Kenntnissen über Form, Pathologie und Entwicklung des Trinkverhaltens, die Diagnose zu stellen. Klagen

  • über Unruhezustände, Schweißausbrüche, feuchte Hände und Tremor der Hände
  •  über Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Gedächtnislücken, Schlafstörungen und Leistungsabfall
  •  über Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Störungen, Völlegefühl im Oberbauch, morgendliche Übelkeit und gehäufte Durchfälle
  •  über Sensibilitätsstörungen, Unlustgefühle, depressive Verstimmungen und Störungen der sexuellen Potenz

sollten den Arzt immer veranlassen, Alkoholismus als Ursache in sein differentialdiagnostisches Denken einzubeziehen.

5.2 Diagnostische Hinweise aus Verhaltensänderungen

Niedergelassene Ärzte haben den Vorteil, zahlreiche Patienten über Jahre begleiten und ihre Verhaltensänderungen sowie ihr Umfeld beobachten zu können. Alkoholkranke zeigen durch Aktivierung von Abwehrmechanismen, Traumatisierung des Selbstwertgefühls und zunehmende Ich-Schwäche. Verhaltensänderungen, die dem aufmerksamen Arzt Gelegenheit geben, die Diagnose Alkoholismus zu erwägen. Es zeigen sich häufig:

  • vermehrte Überempfindlichkeit und Unsicherheit, verminderte Frustrationstoleranz
  • zunehmendes Misstrauen, Flucht- und Ausweichtendenzen, auffallende Stimmungslabilität mit gehäufter depressiver Verstimmung
  • verminderte emotionale Kontrolle
  • Ambivalenz zwischen Passivität und Aggression
  • Wechsel zwischen renommistischem Imponiergehabe und Selbstmitleid
  • Abnahme des Durchhaltevermögens

Rückfragen bei Partner und Angehörigen lassen häufig pathologisches Trinkverhalten als Ursache dieser Stimmungs- und Verhaltensänderungen erkennen.

5.3 Diagnostische Hinweise aus sozialen Veränderungen

Oft werden erst durch Fremdanamnesen erhebliche soziale Störungen erkennbar, die auf Alkoholismus hinweisen, z. B.

  • zunehmende familiäre Konflikte
  • zunehmende finanzielle Belastungen (Schulden) im Zusammenhang mit Alkoholkonsum
  • Verlust des Arbeitsplatzes im Zusammenhang mit Alkoholkonsum
  • Verlust des Führerscheins im Zusammenhang mit Alkohol im Straßenverkehr
  • Straftaten unter Alkohol

5.4 Diagnostische Hinweise aus körperlichen Veränderungen

Aufgrund der schädigenden Wirkung des Alkohols ergeben sich zahlreiche Untersuchungs- und Laborbefunde, die auf chronischen Alkoholmissbrauch schließen lassen. Zu den wichtigsten geboren:

  • wiederholter Alkoholfötor (Benutzung geruchsdeckender Mittel)
  • häufige Konjunktivitis
  • Facies alcoholica
  • vegetative Fehlfunktionen (z. B. feuchte Handinnenflächen)
  • motorische Unruhe
  • Lebervergrößerung
  • Fettleber, Fettleberhepatitis Leberzirrhose
  • rezidivierende Gastritis
  • rezidivierende Pankreatitis
  • rezidivierende Oesophagitis
  • Dupuytren'sche Kontraktur
  • auffallend hohe Y-GT im Verhältnis zur SGOT und SGPT
  • erhöhte CDT-Werte (Carbohydrate-Deficient-Transferrin)
  • Erhöhung des mittleren korpuskulären Erythrozytenvolu- (MCV)
  • Erhöhung des HDL-Cholesterins und Apolipoproteins
  • Erhöhung des Harnsäurespiegels
  • Thrombozytendepression
  • Hyperlipidämie mit bevorzugter Erhöhung der Triglyzerid

5.4.1 CDT = Carbohydrate-Deficient-Transferrin

Für den Nachweis erhöhten chronischen Alkoholkonsums ist die Feststellung einer Veränderung des Transferrinmoleküls und somit eines erhöhten CDT-Spiegels besonders aussagefähig. Dieser Marker erweist sich von hoher Sensibilität und sehr hoher Spezifität (90-100'%). Er ist somit für die Diagnose chronischen Alkoholmissbrauchs sowie zur Überwachung der Alkoholabstinenz wichtig

Transferrin ist ein Transporteiweiß, das das aus der Nahrung resorbierte Eisen locker gebunden im Blut von Speicherorten zu Zielorten transportiert. (...) Sein Vorkommen erwies sich abhängig vom Alkoholkonsum. (...)
Der CDT-Wert steht in der Regel an, wenn im Laufe von mehreren (2-3) Wochen täglich durchschnittlich 60 g Alkohol getrunken werden. Bei gesunden Versuchspersonen lässt sich oft schon nach 1 -tägigem überhöhten Alkoholkonsum ein Anstieg nachweisen. Nach Alkoholabstinenz bildet sich der CDT-Wert langsam zurück, die mittlere Halbwertzeit beträgt 14-17 Tage. Für Frauen ohne oder geringem Alkoholkonsum wird ein oberer Normwert von 26 U/l, für Männer ein solcher von 20 U/1 angegeben. Bei erneutem Alkoholkonsum nach Abstinenz steigt der CDT-Wert wieder schnell an.

5.4.2  MCV = Mittleres korpuskuläres Erythrozytenvolumen

Als ein hochspezifischer und sensitiver Marker für chronisch überhöhten Alkoholkonsum erweist sich die Bestimmung des mittleren korpuskulären Erythrozytenvolumens, das sich bei chronischen Alkoholmissbrauch über den Grenzwert von 95 fl erhöht. (....)
 

5.5 Diagnostische Hinweise aus spezifischen Symptomen der Alkoholkrankheit

Da pathologisches Trinkverhalten nur selten vom Arzt objektiviert werden kann, sind für die Diagnosesicherung Angaben des Patienten unumgänglich. Diese haben Symptome des Gamma- und Delta-Alkoholismus zu berücksichtigen. Fragen, die ausschließlich Trinkmenge und Trinkhäufigkeit betreffen, lassen lediglich Alkoholmissbrauch, nicht aber Alkoholkrankheit erkennen.

Diagnostisch relevante Fragen berücksichtigen:

• Erleichterungstrinken (Trinken wegen der Wirkung)
• starkes Verlangen nach Alkoholkonsum
• Gedächtnislücken nach Alkoholkonsum ("Filmrisse")
• allein und heimliches Trinken
• Kontrollverluste
• körperliche Entzugszeichen (z. B. Tremor der Hände)
• Toleranzentwicklung (Zunahme der Verträglichkeit)
• morgendliches Trinken
• tagelanges Trinken
• körperliche und soziale Folgen durch Alkoholkonsum.

nicht nur die Diagnose, sondern auch die Motivation und Indikation zur Therapie zu erfassen. Zahlreiche Diagnoseinstrumente erweisen sich zu umfangreich und für die Praxis wenig geeignet. Obwohl bei der Anwendung von Fragebogentests die Abwehr- und Verleugnungstendenz der Betroffenen berücksichtigt werden muss, erweisen sich einige von großer Bedeutung.

5.6.1 Screening-Instrumente

Zur Feststellung einer Verdachtsdiagnose eignen sich Screening-Instrumente, die bei möglichst wenigen Fragen eine hohe
Sensitivität und eine ausreichende Spezifität besitzen. Zu diesen gehören u.a.:

Der CAGE-Test (174, 100)

Er ist der kürzeste Fragebogentest und enthält 4 Fragen:

1.  Haben Sie einmal das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren Alkoholkonsum verringern sollten?

2.  Hat Sie jemand einmal durch Kritisieren Ihres Alkoholtrinkens ärgerlich gemacht?

3.  Haben Sie sich wegen Ihres Alkoholtrinkens einmal schlecht  oder schuldig gefühlt?

4. Haben Sie einmal morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich wieder ins Gleichgewicht zu bringen oder einen Kater loszuwerden?

Zwei oder mehr positive Antworten kennzeichnen einen Problemtrinker. Der Test zeigt eine Überraschend hohe Sensitivität.


Frage 2: Wie geht man als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin am besten mit Alkoholkranken um?
 Gliederung:
Sozialpädagogische Einstellung
Haltung beim Einzelgespräch
Verhalten bei Rückfällen
Ko-Abhängigkeit
 

Notwendige sozialpädagogische Einstellungen im Umgang mit Alkoholkranken:

  • Achtung und Annahme des Klienten als vollwertige Persönlichkeit im Ausnahmezustand des Krankseins
  • Annahme seiner Verhaltensweisen und Reaktionen in dem Bemühen, auslösende Faktoren transparent zu machen, zu verstehen und für die Therapie zu nutzen
  • Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, das es dem Klienten erlaubt, sich zu zeigen, wie er wirklich ist, denkt und fühlt, ohne Vorhaltungen, Ablehnung und Ratschläge befürchten zu müssen
  • Loslassen des Klienten, um ihn in seine Eigenverantwortung zu stellen und ihn mehr zu begleiten als zu behandeln
  • Angebot von Hilfen zur Selbsthilfe unter sorgfältiger Beurteilung der Handlungsmöglichkeiten des Klienten
  • Ansprechen des gesunden Persönlichkeitsbereiches des Klienten anstatt des Kampfes gegen seine kranken Anteile
  • durchgehende Konsequenz, um dem Klienten zu helfen, unrealistisches Verhalten zu erkennen und aufzugeben (nur ankündigen, was realisierbar ist und dieses dann durchführen)
  • Echtheit und emotionale Wärme
  • Kritische Überprüfung eigenen Verhaltens und eigener Motivation
  • sowie kritische Beurteilung des Verhältnisses zum Klienten, um gegenseitige Anpassungsprozesse zu verhindern, die die helfende Beziehung zur gegenseitigen Notwendigkeit machen.

Einstellung beim Einzelgespräch und was man vermeiden sollte:

Lothar Schmidt (1997 S. 239- 241) stellt die beratende und therapeutische Grundhaltung besonders gut dar. Alles was er schreibt, gilt in gleicher Weise für die Soziale Arbeit mit Alkoholkranken:
Psychotherapie geschieht immer dann, wenn sich Therapeut und Alkoholiker in mitmenschlicher Weise begegnen und sich gegenseitig annehmen, wenn Lebenszusammenhänge und die Welt des Patienten vom Arzt bzw. Therapeuten ernst genommen und in gemeinsamer Arbeit Fehlentscheidungen, Konflikte und Engpässe aufgesucht und gelöst werden. Dafür stehen heute zahlreiche psychotherapeutische Instrumente zur Verfügung. Da es den typischen Alkoholiker nicht gibt, darf man nicht der Versuchung unterliegen, den Patienten in ein psychotherapeutisches Denkmodell hineinzuprojizieren.

Nach der heutigen Sicht der meisten Therapeuten geht es am Beginn der Behandlung nicht darum, dass sich der Patient in einem viel Zeit fordernden Prozess seiner frühkindlichen Traumen und Fehlverhaltensprogrammierungen bewusst wird, sondern heute und jetzt das Glas stehen lässt, heute und jetzt bereit ist, Verantwortung für sich zu übernehmen und neues Verhalten zu üben. Zeigen sich während seines Gesundungsprozesses nach längerer Abstinenz neurotische Fehlleistungen, so sind die Grundstörungen zu erkennen und zu behandeln.

Am Beginn der Begegnung zwischen Alkoholiker und Arzt bzw. Therapeut steht in aller Regel das Einzelgespräch. Das Gesprächsergebnis hängt nicht nur von der Motivation des Patienten, sondern auch von der Einstellung seines Gesprächspartners ab. Das Gespräch wird um so beziehungsfördernder sein, je mehr von seiten des Arztes bzw. des Therapeuten Annahme, Anteilnahme, Verstehen, Wärme und Wertschätzung Lind um so weniger negative Kritik, Vorwürfe und Ermahnungen vermittelt werden. Aktives Zuhören als wertvolle Form der Zuwendung erweist sich oft motivierender als Ratschläge. Diskussionen über Trinkgründe sind weitgehend zu vermeiden. Notwendige Informationen über Formen und Ablauf der Alkoholkrankheit sowie über Behandlungswege sollten den Patienten befähigen, sich selber zu diagnostizieren und Pläne für seine Behandlung zu erarbeiten. Der Patient wird zum Arbeitspartner und nicht zum Arbeitsobjekt.

Wahrend der Einzelgespräche sollte sich der Arzt bzw. Therapeut eigener Emotionen die der Patient bei ihm auslöst, bewusst werden. Eigene Wertvorstellungen dürfen nicht zur Beurteilung des Patienten herangezogen werden. Um ihn zu verstehen und annehmen zu können, ist es deshalb wichtig, eine Längsschnittübersicht über seine Entwicklung und Umwelt zu gewinnen.

Nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt bzw. Therapeut kann den Gesprächsverlauf durch fehlerhaftes Verhalten empfindlich stören oder sogar einen Gesprächsabbruch veranlassen. Das Gespräch und sein therapeutischer Wert werden gefährdet, wenn der Arzt bzw. Therapeut statt sich um Empathie zu bemühen von seiner Moral- und Wertvorstellung ausgehend, moralisiert und verurteilt, statt hinzuhören, selbst zu viel redet, statt Entscheidungen dem Patienten zu überlassen, diesen zu überreden versucht, statt zu hinterfragen, wertend beurteilt statt auf Gefühle des Patienten zu achten, Ratschläge austeilt statt Interesse und Annahme zu signalisieren, Ungeduld und Unaufmerksamkeit vermittelt, aber auch statt opportunistische Anpassungen zu erkennen, gefügige Haltungen als Einsichtig -keift und Behandlungsbereitschaft fehldeutet."

Verhalten bei Rückfällen: (Schmidt 1997, S. 270)

Alkoholiker, die ihre Krankheit nicht selten im Verlauf vieler Jahre entwickeln, benötigen häufig auch einen langen Zeitraum zur Gesundung. Dabei kann es zu einigen Rückfällen kommen. Es gibt zahlreiche Krankheiten mit Rezidiven, die den Kranken meistens zum Aufsuchen ärztlicher Hilfe veranlassen. Dagegen neigt der Alkoholiker beim Auftreten eines Rezidivs zum Rückzug, zur Flucht und Isolation, um möglichst Diskriminierung und Vorwürfe zu vermeiden. Der Rückfall führt sehr schnell zur Reaktivierung alter Abwehrmechanismen, emotional gesteuerten Denkens sowie zur alten Ambivalenz, abstinieren und gleichzeitig trinken zu wollen. Jeder Rückfall bedeutet einen Vertrauensschwund sich selbst sowie andern gegenüber und ist besonders für Alkoholkranke, die sich die Bereitschaft zur völligen Abstinenz gewissenhaft und oft schmerzlich erarbeitet haben, eine tiefe Enttäuschung und Entmutigung. Darum sind Vorwürfe nicht angebracht.

Besteht jedoch eine Atmosphäre des Vertrauens, die es dem Kranken ermöglicht, sich in seiner Realität anzunehmen und zu zeigen, ohne Vorhaltungen erwarten zu müssen, wird auch der Alkoholiker bei einem Rezidiv den Arzt bzw. Therapeuten aufsuchen. Dann kann der Rückfall therapeutisch genutzt werden und für den weiteren Gesundungsweg wertvoll sein. Die Einsicht, nicht mehr kontrolliert trinken zu können, wird vertieft, die Selbstannahme als Alkoholiker erleichtert und die Bereitschaft zur Persönlichkeitsarbeit aktiviert. Sucht der Patient unmittelbar nach einem Rückfall Hilfe auf, so kann er meistens sein Trinken rasch beenden. Rückfälle können ohne klinische Hilfe dauerhaft beendet werden, wenn sie zeitlich und in ihr Häufigkeit begrenzt bleiben (81).

Was ist ein Co-Abhängiger? Wie kann ich Co-Abhängigkeit vermeiden und wie kann ich Co-Abhängige beraten?

Du kannst einen anderen Menschen nicht direkt süchtig machen, es sei denn Du wendest Gewalt an oder verabreichst ihm lange Zeit Drogen. Ein Co-Alkoholiker macht also niemanden zum Alkoholiker, er/sie ist auch nicht unbedingt jemand, der mit dem Alkoholiker trinkt, also kein Trinkkumpan. Aber was dann ... ? Er/sie ist ein Kompagnon, ein unwissentlich Verbündeter des Abhängigen und ein doppelter Teilhaber an der Krankheit: Er kriegt "seinen Teil ab" und er trägt ungewollt seinen Teil dazu bei, dass die Abhängigkeit sich verfestigt.

Ein co-abhängiges Verhalten zeigt sich bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten, bei Vater und Mutter, Ehefrauen und -männern, Ärzten und Therapeuten, Freunden und Geschwistern und sogar bei den eigenen Kindern, wenn sie-. Verantwortung für den Abhängigen übernehmen, sein Verlangen entschuldigen oder rechtfertigen, ihm/ihr Belastungen abnehmen oder ersparen wollen, das Verhalten des Abhängigen kontrollieren, indem sie Verstecke, in denen der Abhängige seine Suchtmittel verbirgt, suchen; ihn von Alkohol und Trinkanlässen fernhalten, ihn beim Lügen ertappen wollen usw., selber unaufrichtig dem Abhängigen, anderen Personen oder sich selbst gegenüber sind, was die Tatsachen und Gefühle bezüglich der Abhängigkeit betrifft.

Als Folge davon hat der Co-Alkoholiker oft selber Schwierigkeiten mit sich und braucht Hilfe. Das ist ihm meist ebenso wenig klar wie dem Abhängigen in Bezug auf seine Person. Der Co-Abhängige ist ebenfalls abhängig, und zwar in seinem Wohlbefinden abhängig von seinen oben genannten Eigenheiten. Er fürchtet, sich andernfalls vor der Verwandtschaft schämen zu müssen, an Ansehen zu verlieren oder den Partner zu verletzen und ihm zu schaden. Er hat das Gefühl, er dürfe damit nicht aufhören. Wenn es Dir zur Zeit so ergeht, dann hast Du sicher "vernünftig" klingende Begründungen dafür, warum Du Dich so verhalten "musst". Und je mehr Kummer der Alkoholiker Dir bereitet, desto mehr kümmerst Du Dich um ihn, so dass sich die Spirale der Co-Abhängigkeit immer dichter dreht.

Was kannst Du nun tun, wenn Du Dich von diesem Verhaltensmuster befreien willst? Zuallererst solltest Du die Nähe von Mitbetroffenen suchen, also Dich an eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe wenden. Außerdem kannst Du die folgenden Ratschläge überdenken und beherzigen:

  • Ich kann am Trinken des Abhängigen nichts ändern, denn er "muss" noch trinken. Ich drohe also nicht und ich kontrolliere nicht mehr, obwohl es mir natürlich nicht gleichgültig ist, solange ich noch etwas für ihn/sie empfinde.
  • Ich verstehe wie krank er/sie ist. Trotzdem werde ich sein Verhalten und dessen Auswirkungen auf mich nicht länger tolerieren. Ich setze klare Grenzen, was ich in Kauf nehme und was nicht. Ich sage meinem Partner verbindlich, was ich dann tue.
  • Ich ignoriere das Trinken, d.h. ich nehme es zur Kenntnis, aber ich tadele es nicht, ich spiele nicht Detektiv, ich lasse Lügen so stehen und verwickle mich nicht in derartige Diskussionen. Allerdings verwöhne und versorge ich ihn auch nicht.
  • Ich tue etwas für mich. Wenn der andere sich nicht ändert, wie kann ich trotzdem so gut wie möglich leben, Glück und Zufriedenheit finden? Wie kann ich dies umsetzen, wenn ich mich nicht vollständig von ihm lösen will? Wenn Du als Partner / Freund / Arbeitskollege auf die letzte Frage antworten möchtest- "Das geht nicht, das gibt es nicht!", dann solltest Du umgehend für Dich selber Hilfe suchen. Diese Hilfe wird im wesentlichen darin bestehen, Dich selbst besser zu verstehen und offene, klare Äußerungen und Verhaltensweisen zu fördern, die die Verantwortung jedes einzelnen regeln und der Entstehung von negativen Gefühlen vorbeugen.

 

Quelle: Ralf Schneider: Die Suchtfibel, 1996 Röttger-Schneider-Verlag

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Frage3: Welche Therapien wird von Ärzten und Ärztinnen oder Therapeuten und Therapeutinnen angewandt?
 Gliederung:
Entgiftung
Entzug
Entwöhnung
Therapien
Prognose

Lothar Schmidt (1997, S. 224) weist darauf hin, dass vor dem Entzug häufig durch den Arzt eine akute Alkoholintoxikation (Vergiftung) behandelt werden muss. Da die Patienten häufig bewusstlos eingeliefert werden, muss immer damit gerechnet werden, dass andere Drogen mitspielen oder dass ein Suizidversuch vorliegt. Auspumpen des Magens soll erfolgen und der Mageninhalt soll immer auf Medikamente untersucht werden. Dort sind weitere Angaben zu finden.

Entzug
Unter Entzug versteht man zum einen den Zustand nach dem Absetzen des Alkohols mit Einsetzen diverser Entzugserscheinungen. Zum anderen ist mit Entzug das Absetzen des Alkohols unter ärztlicher Aufsicht gemeint. Dabei wird versucht, die schlimmsten Entzugserscheinungen und insbesondere ein Delir oder einen Krampfanfall zu vermeiden. In Deutschland ist das Mittel der Wahl meist Distraneurin (Clomethiazol), auch Haldol (Haloperidol), gegen Krämpfe zusätzlich Tegretal (Carbamazepin). Zu einem freiwilligen Entzug ist der Abhängige meist erst nach dem Eingeständnis der völligen Niederlage bereit. Ein gerichtlicher Beschluss kann in besonderen Fällen angeordnet werden. Der Entzug sollte auf einer geschlossenen Entzugsstation erfolgen (meist in der Psychiatrie). Ein allgemeines Krankenhaus ist denkbar schlecht geeignet, da der Patient -wie die Erfahrungen zeigen - hier leichten Zugang zu Alkohol durch die offene Station hat (die ersten Tage sind besonders kritisch). Ein Selbstentzug zu Hause kann lebensgefährlich werden !

Ein Entzug in einer speziellen (psychiatrischen) Entzugsstation hat einen weiteren entscheidenden Vorteil- Viele Kranke treffen hier zum ersten Mal auf gleichartig Betroffene in der gleichen Situation. Der Meinungsaustausch kann hier den ersten Weg zur Genesung ebnen, außerdem sind meist Psychologen und Sozialarbeiter im Behandlungsteam und lindern die oft massiven persönlichen Probleme. Des weiteren finden Gruppen-Aktivitäten statt, ein freiwilliger Hausdienst bringt Beschäftigung und Abwechslung in die unangenehmen, entzügigen Tage. In einem allgemeinen Krankenhaus findet sich der entzügige Patient meist alleingelassen mit verständnislosen Mitpatienten. (Der Zugriff auf die Distra-Flasche im verwaisten Stationszimmer ist häufiger als Pfleger und Ärzte meinen.)

Entwöhnung In der Entzugsbehandlung (8 - 14 Tage) klingen nur die körperlichen Entzugssymptome ab. Psychische Entzugserscheinungen bestehen in der Regel längere Zeit fort. Da die einmal erworbene Abhängigkeit lebenslang bestehen bleibt, muss der Kranke lernen, damit trocken zufrieden leben zu können. Diesem Lernprozess dient die Entwöhnungsbehandlung als Reha-Maßnahme. Sie wird auf Antrag in speziellen Reha-Kliniken durchgeführt und dauerte bisher 4 bis 6 Monate. Die Kosten trägt in der Regel die Rentenversicherung.

Im Zuge der jüngsten Sparbeschlüsse im Gesundheitswesen werden sich einschneidende Änderungen zugunsten der Kurzzeittherapie (6 - 8 Wochen) bzw. der ambulanten Therapieformen ergeben. Zweit- und Auffrischungskuren werden erschwert, z.T.. strikt abgelehnt. Diese Entwicklung ist ein absolut unverständlicher Schritt in die falsche Richtung!

Lothar Schmidt (1997,S. 225) warnt vor der Vergabe von Beruhigungsmitteln, weil sie sehr schnell zu einer Politoxikomanie (Abhängigkeit von vielen Giften) führen kann.

Entwöhnung

Lothar Schmidt (1997, S. 229) berichtet vom Einsatz alkoholsensibilisierender Medikamente. Das sind Medikamente, die zu einer Unverträglichkeit des Alkohols beim Patienten führen. Er steht diesen jedoch sehr skeptisch gegenüber, da es den Entscheidungsprozess und die Willensbildung des Patienten untergraben könne. Dort nähere Angaben, unter welchen Bedingungen sie dennoch sinnvoll sein kann.
S. 235ff wird über Anti-Craving-Substanzen berichtet. Craving (engl. sich sehnen) bezeichnet ein starkes Verlangen nach Alkohol. Da das Craving auch nach langer Abstinenz häufig zu Rückfällen führt, ist man auf der Suche nach einer medikamentösen Reduktions-Substanz. Acamprosat ist ein Medikament, das große Vorteile bietet und keine Suchtsymptome zeigt.  Es wird in der regeln nach der Entgiftung gegeben  und mindestens ein halbes Jahr verabreicht. Es kann, das betont Schmidt (S. 238f), eine Psychotherapie nicht ersetzen, denn Alkoholiker benötigen zur "Veränderung eine intensive Persönlichkeitsarbeit.

Therapie
Die Psychotherapie  kann in Einzelgesprächen oder als Gruppentherapie erfolgen.
Schmidt (1997, S. 244ff) gibt die Voraussetzungen, die Zusammensetzung und die Gruppengröße, sowie den üblichen Verlauf einer optimalen Sitzung an.
Als Behandlungsinstrumente der Therapie nennt Schmidt (1997, S. 247 ff):

  • Die Realitätstherapie nach Glaser. Sie fragt nicht nach dem "warum", sonder nach dem "was". Was kann der Patient jetzt tun, um sein Leben besser zu gestalten. Glück und Selbsterfüllung sind nicht Voraussetzung, sondern Folgen des Nicht-mehr-trinkens. Realitätstherapie bezieht sich auf die Gegenwart und macht keine Vorwürfe. Es geht darum , den Realitätsbezug zu stärken.
  • Gesprächspsychotherapie nach Rogers soll das Selbstvertrauen, die Selbstwahrnehmung und die Selbstachtung des Patienten stärken. Die Erfahrung von Schmidt geht dahin, dass diese Methode eine sehr gute Ergänzung ist, aber alleine nicht ausreicht.
  • Verhaltenstherapie nach Skinner, Lindsley und Eysenck geht von einer Konditionierung des Verhaltens aus und versucht eine Gegenkonditionierung zu erreichen. Wichtig ist dabei das Belohnungsprinzip. Es wurden laut Schmidt folgende Verfahren eingesetzt: Aversionstherapie  mit Brech- und Ekelreaktionen mit unbefriedigendem Ergebnis. Punkte-Belohnungsverfahren ist vor allem bei schwer hirngestörten, infantilisierten Patienten einsetzbar.. Systematische Desensibilisierung hilft beim Abbau von Ängsten und erleichtert damit den Einsatz anderer Mittel.  Selbstbehauptungstraining übt Situationen vorher per Rollenspiel durch bis sie "sitzen" und kann dabei recht erfolgreich sein.  Soziales Lernen durch Nachahmung wird vor allem in Gruppen eingesetzt und ist ein Grundprinzip des Erfolgs der Anonymen Alkoholiker. Erfolgreiche Verhaltensänderungen werden vorgelebt und mit positiven Werten und der Sinnfrage des Lebens verkoppelt.  Rational emotive Therapie nach Ellis übt neue Verhaltensweisen zuerst in Gedanken bis sie selbstverständlich werden.
  • Psychodrama nach Moreno wird von Schmidt sehr positiv beurteilt, da es sich "wertvolle therapeutische Methode zur Verhaltensänderung" erwiesen habe.
  • Gestalttherapie nach Perls zielt auf das Wiederentdecken der Gefühle im Hier und Jetzt, um zu einem glücklichen Leben zu finden. Jeder ist für sich verantwortlich, was bei Alkoholikern eine wichtige Wende bedeuten kann, da sie anderen die Schuld und Verantwortung an ihrem Verhalten zuordnen neigen.
  • Transaktionsanalyse nach Berne analysiert das Verhalten auf mehreren Ebenen. Sie wird von Schmidt sehr geschätzt. Näheres bitte dort nachlesen.
  • Schmidt erwähnt weiterhin als hilfreiche Begleitinstrumente; Muskuläre Entspannungsübungen ("Alkoholiker gewinnen damit - wie mit dem autogenen Training - ein wertvolles Instrument, Spannungen zu lösen, sich ruhigzustellen, unter Umständen Schlaflosigkeit zu beseitigen und sich besser zu konzentrieren. S. 262), Autogenes Training und Hypnose ("Die Gruppenhypnose hat sich somit als therapeutisches Instrument für die Behandlung Alkoholkranker bewährt." S. 267)
  • Systemische Therapie sieht die Sucht nicht als Krankheit, sondern "als Ausdruck eines Entscheidungsprozesses" und den Süchtigen als "Repräsentant seines Beziehungssystems" (267).  Sucht kann beziehungsregulierend sein und die Therapie muss aufklären, welche Rolle sie im System spielt. ,

Aus der Suchtfibel:
Der sicherste und zugleich kostenlose Weg eine Entwöhnung vom Alkohol zu erreichen, bleibt nach wie vor die Selbsthilfegruppe. Viele Betroffene haben hier ihren zufriedenen Lebensweg gefunden. Dieser Alternative wird zukünftig weit mehr Gewicht zufallen als bisher. Die Gespräche, die eigene und die leidvollen Erfahrungen anderer Gruppenmitglieder helfen zur Einsicht, dass ein Leben ohne Alkohol erfüllter sein kann, als man es vorher je zu glauben vermochte.

Lothar Schmidt (1997, S. 270f)
Zur Prognose der Alkoholismusbehandlung

Die meisten Alkoholkranken können erfolgreich behandelt werden. Hinsichtlich der Therapie und Prognose des Alkoholismus bestehen einige Vorurteile, traditionelle Vorstellungen und Erwartungshaltungen, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten. So finden sich bei uns nicht nur häufig Unterbewertungen ambulanter und kürzerer stationärer Behandlungen, sondern auch Fehlbeurteilungen über Behandlungsaussichten. Noch vor einigen Jahrzehnten wurde in medizinischen Fachzeitschriften vom "unheilbaren Alkoholiker" gesprochen (154). Auch heute begegnet man häufig der Meinung, dass Alkoholikerbehandlung weitgehend erfolglos und damit sinnlos sei. Bei einer Umfrage vertraten 1981 nur 3 % der Bundesbürger die Überzeugung, dass die meisten Alkoholkranken wirksam behandelt werden können (514). Die Therapieergebnisse widersprechen dieser Ansicht.

Alkoholiker, die ihre Krankheit nicht selten im Verlauf vieler Jahre entwickeln, benötigen häufig auch einen langen Zeitraum zur Gesundung. Dabei kann es zu einigen Rückfällen kommen. Es gibt zahlreiche Krankheiten mit Rezidiven, die den Kranken meistens zum Aufsuchen ärztlicher Hilfe veranlassen. Dagegen neigt der Alkoholiker beim Auftreten eines Rezidivs zum Rückzug, zur Flucht und Isolation, um möglichst Diskriminierung und Vorwürfe zu vermeiden. Der Rückfall führt sehr schnell zur Reaktivierung alter Abwehrmechanismen, emotional gesteuerten Denkens sowie zur alten Ambivalenz, abstinieren und gleichzeitig trinken zu wollen. Jeder Rückfall bedeutet einen Vertrauensschwund sich selbst sowie andern gegenüber und ist besonders für Alkoholkranke, die sich die Bereitschaft zur völligen Abstinenz gewissenhaft und oft schmerzlich erarbeitet haben, eine tiefe Enttäuschung und Entmutigung. Darum sind Vorwürfe nicht angebracht.

Besteht jedoch eine Atmosphäre des Vertrauens, die es dem Kranken ermöglicht, sich in seiner Realität anzunehmen und zu zeigen, ohne Vorhaltungen erwarten zu müssen, wird auch der Alkoholiker bei einem Rezidiv den Arzt bzw. Therapeuten aufsuchen. Dann kann der Rückfall therapeutisch genutzt werden und für den weiteren Gesundungsweg wertvoll sein. Die Einsicht, nicht mehr kontrolliert trinken zu können, wird vertieft, die Selbstannahme als Alkoholiker erleichtert und die Bereitschaft zur Persönlichkeitsarbeit aktiviert. Sucht der Patient unmittelbar nach einem Rückfall Hilfe auf, so kann er meistens sein Trinken rasch beenden. Rückfälle können ohne klinische Hilfe dauerhaft beendet werden, wenn sie zeitlich und in ihr Häufigkeit begrenzt bleiben (81).

Der Behandlungserfolg hängt - wie beschrieben - von zahlreichen Faktoren ab, deren Bedeutung unterschiedlich bewertet wird. Krisen und emotionale Erschütterungen, die im Zusammenhang mit Alkoholkonsum auftreten und von Alkoholikern treffend als "Tiefpunkt" bezeichnet werden, können die Prognose verbessern. Deshalb sind Patienten mit fortgeschrittene Krankheitsbild und negativen Alkoholerfahrungen häufig prognostisch günstiger zu bewerten als "Krankheitsanfänger". Nachdem Alkoholismus als Familien- und Umfeldkrankheit erkannt worden war, konnte durch Einbeziehung von Partnern, Bezugspersonen und Vertretern des Arbeitsplatzes in die Therapie, die Prognose deutlich gebessert werden. Außerdem verbesserten sich die Behandlungserfolge durch eine intensive aktive Mitarbeit in den Selbsthilfegruppen.
(...) In diesem Zusammenhang muss auch auf die bemerkenswerte Zahl von "Spontanheilungen" hingewiesen werden, bei denen Patienten spontan ihren Alkoholkonsum beenden und abstinent bleiben."

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Zusammenfassung:
1. Es gibt sehr sichere Zeichen, die auf ein Vorliegen einer Alkoholkrankheit hinweisen. Sie sollten nur in der Summe als gültig angesehen werden, da einzelne auch ohne Vorliegen eines Alkoholmissbrauchs auftreten können (z.B. Dupuytrensche Kontraktur oder Leberkrankheiten): Wichtig vor allem die Hautveränderungen in Gesicht und an den Händen. Mit der Zeit entwickelt man einen Blick für typische Alkoholikererscheinungen.
2. Die Grundhaltung ist die, dass Hilfe zur Selbsthilfe angeboten wird und der Krankheitscharakter unterstrichen wird.
3. Sozialarbeiter sind keine Therapeuten. Sie sollten allerdings wissen, welches die hauptsächlichen therapeutischen Methoden sind.

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Test:
1. Geben Sie wichtige Erkennungszeichen für einen chronischen Alkoholmissbrauch an. Welche sind die Erkennungszeichen für Alkoholkrankheit.
2. Wie würde ein exemplarisch falsch geführtes Beratungsgespräch aussehen?
3. Was sind die hauptsächlichen therapeutischen Methoden?
4. Was ist eine  Polytoxikomanie und wann kann sie durch gutwillige Behandlung erzeugt werden?
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Literatur:
Schmidt, L. (1977). Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch. Stuttgart, Berlin, Köln, 4. Auflage.
Schneider, R. (1996).: Die Suchtfibel. Röttger-Schneider-Verlag (o.O.).


 

 

 

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