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Suchthilfe
Wie erkennt man und behandelt
man Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit?
Gliederung:
Vorbemerkung:
Frage 1: Wie wird der Alkoholmissbrauch
diagnostiziert?
Frage 2: Wie geht man als Sozialarbeiter oder
Sozialarbeiterin am besten mit Alkoholkranken um?
Frage 3: Welche Therapie wird von Ärzten und Ärztinnen
oder Therapeuten und Therapeutinnen angewandt?
Zusammenfassung:
Test:
Vorbemerkung:
Als Literatur wird vor allem verwendet:
Lothar Schmidt
Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch
Stuttgart, Berlin, Köln 1997, 4. Auflage
Frage
1: Wie wird der
Alkoholmissbrauch diagnostiziert?
Fragebogen zur
Selbstbefragung
Viele Menschen trinken zu viel
Alkohol. Das ist bei allen auf die Dauer schädlich. Aber nicht
alle diese Menschen sind alkoholkrank. Einige Menschen trinken
relativ wenig und sind doch alkoholkrank. Das heißt, wenn sie
trinken können sie nicht mehr aufhören. Diese Krankheit kann von
der Medizin bis heute noch nicht vollständig erklärt werden. Man
geht davon aus, dass es so etwas wie einen vererbten Schalter
gibt, der bei manchen vorhanden ist und bei anderen nicht und der
zu irgendeinem Zeitpunkt eingeschaltet wird. Das ist vergleichbar
einer Allergie, die ebenfalls angelegt ist und irgendwann ausgelöst
wird. Ab da muss man den Allergie-erzeugenden Stoff strikt meiden.
So ist das auch bei der Alkoholkrankheit. Die Alkoholkrankheit ist
von allen Sozialversicherungsträgern als Krankheit anerkannt und
ist - wie zum Beispiel Krebs - durchaus heilbar, führt aber
unbehandelt zum Tode (in der Bundesrepublik etwa 40 000 Tote pro
Jahr).
- Bedroht
das Trinken Ihren Arbeitsplatz ?
- Befanden
Sie sich wegen ihres Trinkens schon in ärztlicher Behandlung?
- Beginnen
Sie zu schwitzen, wenn Sie über eine längere Zeit hinweg
keinen Alkohol trinken?
- Benötigen
Sie Alkohol zu bestimmten Tageszeiten?
- Hat
sich Ihr täglicher Alkoholgebrauch gesteigert?
- Ist
es für Sie zur Selbstverständlichkeit geworden, am nächsten
Morgen wieder ein Glas zu trinken?
- Meinen
Sie manchmal, Sie könnten Ihre Arbeit (ihr Leben) nur mit
Alkohol ertragen?
- Können
Sie nicht mehr aufhören, wenn Sie begonnen haben, auch nur
kleine Mengen zu trinken?
- Lehnen
Sie es ab, über Alkohol zu diskutieren, weil Sie ein schlechtes
Gewissen haben (könnten)?
- Sind
Ihre Gedanken zu den unmöglichsten Zeiten beim Alkohol?
- Stärken
Sie sich vor der Arbeit bereits morgens am Kiosk oder in einem
Lokal mit Alkohol?
- Suchen
Sie häufig im Alkohol Vergessen?
- Trinken
Sie aus Trotz und um zu beweisen, dass Sie Ihre eigenen
Entscheidungen treffen?
- Trinken
Sie die ersten Gläser Alkohol immer schnell, um die
Alkoholwirkung schnell zu spüren leer?
- Trinken
Sie heimlich?
- Vernachlässigen
Sie Ihre Arbeit wegen des Alkohols?
- Zittern
Ihre Hände und schwitzen Sie, wenn Sie eine gewisse Zeit
keinen Alkohol einnehmen?
Welche äußeren Anzeichen begründen
eine Vermutung, es könnte eine Alkoholkrankheit vorliegen? Es müssen
immer mehrere erfüllt sein!
- Regelmäßige
morgendliche Fahne oder Pfefferminz-überdeckter Alkoholgeruch
- Morgendliches
Zittern, das im Laufe des Tages verschwindet
- Schnelles
Trinken der ersten Gläser.
- Regelmäßiges
Letzter-Gast-Sein und Nicht-Aufhören-Können
- Graue,
teigige Haut.
- Geplatzte
Äderchen um einen zentralen Roten Punkt herum (spider naevi).
- Auffällig
rote Handflächen (Palmarerythem).
- Wie
Sanduhren vergrößerte letzte Fingerglieder (Sanduhrnägel).
- Lippen
oder Zunge, die wie lackiert aussehen (Lacklippen, Lackzunge)
Die Suchtfibel im Internet gibt
folgende selbstdiagnostische Hinweise:
Welche körperlichen
Hinweise auf Alkoholprobleme sollte man ernstnehmen?
Veränderungen körperlicher
Art sind oft ein besserer Hinweis auf Alkoholprobleme als
Verhaltensänderungen und psychosoziale Probleme. Auch die
folgenden körperlichen Symptome können zwar geleugnet werden,
aber der Betroffene selbst hat sie in der Regel doch besser
registriert als seine psychischen Veränderungen. Jeder der
folgenden Punkte für sich allein kann auch andere Ursachen haben.
Wenn jedoch mehrere davon zutreffen, liegt sehr wahrscheinlich ein
Alkoholproblem vor.
- Appetitstörungen
(besonders morgens), trotzdem anfangs Gewichtszunahme
(Alkoholkalorien), später deutlicher Gewichtsverlust, bis hin
zur Abmagerung. Verdauungsbeschwerden aller Art, vor allem
anhaltende Verstopfung oder noch häufiger wässriger Durchfall,
Blähungen, Völlegefühl, Aufstoßen.
- Übelkeit
und Brechneigung, besonders morgens (Trockenwürgen).
- Unausgeruht,
müde und zerschlagen, nach meist unruhigem Schlaf mit häufigem
Aufstehen.
- Unspezifisches
Durstgefühl.
- Ausgeprägte
Schweißneigung (auch tagsüber) ohne große Anstrengungen.
- Stechen
und Klopfen in der Herzgegend, Unregelmäßigkeit von Herzschlag
und Atemfrequenz,
- Schwindel,
Schwächezustände, Kreislaufstörungen mit Kollapsneigung,
gelegentlich sogar Anfälle von "unklarer"
Bewusstlosigkeit (kein Krampfanfall).
- Atemnot,
chronische Bronchitis.
- Oft
"unklare" Entzündungen von Nase, Nebenhöhlen,
Rachen, Luftleitern, Lunge,
- Magen-Darm-Schleimhaut
(gelegentliches Erbrechen von Blut), Bauchspeicheldrüse,
Gallenblase, Harnblase, Vorsteherdrüse u.a.
- Leichtes
Drücken unter dem rechten Rippenbogen (Lebervergrößerung),
besonders bei vorgebückter Haltung.
- Nachlassen
von sexuellem Verlangen und Potenz.
- Stechen,
reißende Schmerzen an den Beinen, Missempfingungen
- (Ameisenlaufen,
Kribbeln, Taubheit) an Armen und Beinen, brennende Fußsohlen
- (bei
Bettwärme), Schwäche in den Armen, vor allem Beinen,
- gelegentlich
Seh- und Pupillenstörungen
- bisweilen
Stimmänderungen (rauer, tiefer).
- Schwammiges
und aufgedunsenes Gesicht mit Neigung zu Hautveränderungen,
beginnende Trinkernase (Rhinophym).
- Nicht
selten grau-bräunlich bis blässlich-bräunlicher Grundton der
Haut, Hautschrumpfung durch Schwund des Bindegewebes unter der
Oberhaut, Bildung sogenannter Pergament- oder Geldscheinhaut,
weiße Flecken auf der Streckseite von Armen und Beinen.
- Augenbindehautentzündung
(Rötung und Schwellung, starke Absonderung).
- Zahnschäden.
- Kopfbehaarung
beim Mann eher dicht, bei der Frau zunehmend brüchig und
struppig.
- Brustentwicklung
und typisch weibliche Schambehaarung beim Mann
(Hormonverschiebungen).
- Zunge
oft braun-weißlich belegt.
- Feinere
bis gröbere Gefäßerweiterungen im Gesicht.
- Sogenannte
Gefäßspinnen (rote spinnenartige Gefäßsternchen, die auf
Druck ablassen, sich jedoch sofort wieder füllen) im Gesicht
und am oberen Schultergürtel.
- Rötungen
am Daumen- und Kleinfingerballen.
- Korkenzieherartig
gewundene Gefäße in der äußeren festen Hülle des Augapfels,
der sogenannten Lederhaut.
- Nägel
weiß oder opak gefärbt, mitunter mit Querbändern.
- Neigung
zu Hautblutungen mit zum Teil großflächigen Blutergüssen,
zumeist in der Gegend von Schulter und Becken (Rausch;
alkoholbedingt häufiges Anstoßen, Blutbildveränderung).
- Erst
feinschlägiges, dann stärkeres Zittern von geschlossenen
Lidern, herausgestreckter Zunge, gespreizten Fingern, später
eventuell sogar beider Arme.
Quelle: Ralf Schneider. Die
Suchtfibel. 1996 Röttger-Schneider-Verlag.
Hier
einige Auszüge aus Lothar Schmidt zum vertieften Verständnis:
Lothar Schmidt
Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch
Stuttgart, Berlin, Köln 1997, 4. Auflage
5. Diagnostik der
Alkoholkrankheit
5.1 Allgemeines
Alkoholkrankheit verbirgt sich hinter zahlreichen
funktionellen Störungen und Krankheitsbildern verschiedener
Gesichter und ist deshalb in das differentialdiagnostische Denken
einzubeziehen. Fließende Übergänge zwischen Alkoholkonsum,
Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit komplizieren die
Abgrenzung Alkoholkranker in einer alkoholpermissiven
Gesellschaft. Außerdem wird die Diagnosestellung, die nur bei
fortgeschrittenem Krankheitsbild leicht ist, durch Abwehr des
Patienten erheblich erschwert, der seine Realität in der Regel
nicht akzeptiert, verdrängt und somit verkennt.
Um Alkoholkranke zu diagnostizieren und zu identifizieren,
benötigt der Arzt nicht nur ausreichende Kenntnisse über Wesen,
Formen, Entwicklung und Folgeschäden der Alkoholkrankheit,
sondern auch eine annehmende, einfühlende und verstehende
Haltung, die dem Patienten gestattet, Ängste und Abwehr zu
reduzieren, eigene Realität anzunehmen und sich mitzuteilen. Da
sich in den Frühstadien der Alkoholkrankheit somatische Folgeschäden
nach Trinkpausen rasch zurückbilden und selbst ausgeprägte
alkoholinduzierte Organschäden nach jahrelanger manifester
Alkoholabhängigkeit weitgehend unspezifisch und somit zur
Sicherung der Diagnose nur bedingt relevant sind, ist der Arzt auf
Angaben des Patienten angewiesen. Erhebungen von körperlichen,
seelischen und sozialen Schäden, die eine alkoholtoxische Genese
vermuten lassen, gestatten erst im Zusammenhang mit Kenntnissen über
Form, Pathologie und Entwicklung des Trinkverhaltens, die Diagnose
zu stellen. Klagen
- über Unruhezustände,
Schweißausbrüche, feuchte Hände und Tremor der Hände
- über
Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Gedächtnislücken,
Schlafstörungen und Leistungsabfall
- über
Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Störungen, Völlegefühl im
Oberbauch, morgendliche Übelkeit und gehäufte Durchfälle
- über
Sensibilitätsstörungen, Unlustgefühle, depressive
Verstimmungen und Störungen der sexuellen Potenz
sollten den Arzt immer veranlassen, Alkoholismus als Ursache
in sein differentialdiagnostisches Denken einzubeziehen.
5.2 Diagnostische Hinweise aus Verhaltensänderungen
Niedergelassene Ärzte haben den Vorteil, zahlreiche
Patienten über Jahre begleiten und ihre Verhaltensänderungen
sowie ihr Umfeld beobachten zu können. Alkoholkranke zeigen durch
Aktivierung von Abwehrmechanismen, Traumatisierung des
Selbstwertgefühls und zunehmende Ich-Schwäche. Verhaltensänderungen,
die dem aufmerksamen Arzt Gelegenheit geben, die Diagnose
Alkoholismus zu erwägen. Es zeigen sich häufig:
- vermehrte Überempfindlichkeit
und Unsicherheit, verminderte Frustrationstoleranz
- zunehmendes
Misstrauen, Flucht- und Ausweichtendenzen, auffallende
Stimmungslabilität mit gehäufter depressiver Verstimmung
- verminderte
emotionale Kontrolle
- Ambivalenz
zwischen Passivität und Aggression
- Wechsel
zwischen renommistischem Imponiergehabe und Selbstmitleid
- Abnahme des
Durchhaltevermögens
Rückfragen bei Partner und Angehörigen lassen häufig
pathologisches Trinkverhalten als Ursache dieser Stimmungs- und
Verhaltensänderungen erkennen.
5.3 Diagnostische Hinweise aus sozialen
Veränderungen
Oft werden erst durch Fremdanamnesen erhebliche soziale Störungen
erkennbar, die auf Alkoholismus hinweisen, z. B.
- zunehmende
familiäre Konflikte
- zunehmende
finanzielle Belastungen (Schulden) im Zusammenhang mit
Alkoholkonsum
- Verlust des
Arbeitsplatzes im Zusammenhang mit Alkoholkonsum
- Verlust des Führerscheins
im Zusammenhang mit Alkohol im Straßenverkehr
- Straftaten
unter Alkohol
5.4 Diagnostische Hinweise aus körperlichen
Veränderungen
Aufgrund der schädigenden Wirkung des Alkohols ergeben sich
zahlreiche Untersuchungs- und Laborbefunde, die auf chronischen
Alkoholmissbrauch schließen lassen. Zu den wichtigsten geboren:
- wiederholter
Alkoholfötor (Benutzung geruchsdeckender Mittel)
- häufige
Konjunktivitis
- Facies
alcoholica
- vegetative
Fehlfunktionen (z. B. feuchte Handinnenflächen)
- motorische
Unruhe
- Lebervergrößerung
- Fettleber,
Fettleberhepatitis Leberzirrhose
- rezidivierende
Gastritis
- rezidivierende
Pankreatitis
- rezidivierende
Oesophagitis
- Dupuytren'sche
Kontraktur
- auffallend hohe
Y-GT im Verhältnis zur SGOT und SGPT
- erhöhte
CDT-Werte (Carbohydrate-Deficient-Transferrin)
- Erhöhung des
mittleren korpuskulären Erythrozytenvolu- (MCV)
- Erhöhung des
HDL-Cholesterins und Apolipoproteins
- Erhöhung des
Harnsäurespiegels
- Thrombozytendepression
- Hyperlipidämie
mit bevorzugter Erhöhung der Triglyzerid
5.4.1 CDT =
Carbohydrate-Deficient-Transferrin
Für den Nachweis erhöhten chronischen Alkoholkonsums ist die
Feststellung einer Veränderung des Transferrinmoleküls und somit
eines erhöhten CDT-Spiegels besonders aussagefähig. Dieser
Marker erweist sich von hoher Sensibilität und sehr hoher
Spezifität (90-100'%). Er ist somit für die Diagnose chronischen
Alkoholmissbrauchs sowie zur Überwachung der Alkoholabstinenz
wichtig
Transferrin ist ein Transporteiweiß, das das aus der Nahrung
resorbierte Eisen locker gebunden im Blut von Speicherorten zu
Zielorten transportiert. (...) Sein Vorkommen erwies sich abhängig
vom Alkoholkonsum. (...)
Der CDT-Wert steht in der Regel an, wenn im Laufe von mehreren
(2-3) Wochen täglich durchschnittlich 60 g Alkohol getrunken
werden. Bei gesunden Versuchspersonen lässt sich oft schon nach 1
-tägigem überhöhten Alkoholkonsum ein Anstieg nachweisen. Nach
Alkoholabstinenz bildet sich der CDT-Wert langsam zurück, die
mittlere Halbwertzeit beträgt 14-17 Tage. Für Frauen ohne oder
geringem Alkoholkonsum wird ein oberer Normwert von 26 U/l, für Männer
ein solcher von 20 U/1 angegeben. Bei erneutem Alkoholkonsum nach
Abstinenz steigt der CDT-Wert wieder schnell an.
5.4.2 MCV = Mittleres korpuskuläres Erythrozytenvolumen
Als ein hochspezifischer und sensitiver Marker für chronisch
überhöhten Alkoholkonsum erweist sich die Bestimmung des
mittleren korpuskulären Erythrozytenvolumens, das sich bei
chronischen Alkoholmissbrauch über den Grenzwert von 95 fl erhöht.
(....)
5.5 Diagnostische Hinweise aus spezifischen
Symptomen der Alkoholkrankheit
Da pathologisches Trinkverhalten nur selten vom Arzt
objektiviert werden kann, sind für die Diagnosesicherung Angaben
des Patienten unumgänglich. Diese haben Symptome des Gamma- und
Delta-Alkoholismus zu berücksichtigen. Fragen, die ausschließlich
Trinkmenge und Trinkhäufigkeit betreffen, lassen lediglich
Alkoholmissbrauch, nicht aber Alkoholkrankheit erkennen.
Diagnostisch relevante Fragen berücksichtigen:
• Erleichterungstrinken (Trinken wegen der Wirkung)
• starkes Verlangen nach Alkoholkonsum
• Gedächtnislücken nach Alkoholkonsum
("Filmrisse")
• allein und heimliches Trinken
• Kontrollverluste
• körperliche Entzugszeichen (z. B. Tremor der Hände)
• Toleranzentwicklung (Zunahme der Verträglichkeit)
• morgendliches Trinken
• tagelanges Trinken
• körperliche und soziale Folgen durch Alkoholkonsum.
nicht nur die Diagnose, sondern auch die Motivation und
Indikation zur Therapie zu erfassen. Zahlreiche
Diagnoseinstrumente erweisen sich zu umfangreich und für die
Praxis wenig geeignet. Obwohl bei der Anwendung von
Fragebogentests die Abwehr- und Verleugnungstendenz der
Betroffenen berücksichtigt werden muss, erweisen sich einige von
großer Bedeutung.
5.6.1 Screening-Instrumente
Zur Feststellung einer Verdachtsdiagnose eignen sich
Screening-Instrumente, die bei möglichst wenigen Fragen eine hohe
Sensitivität und eine ausreichende Spezifität besitzen. Zu
diesen gehören u.a.:
Der
CAGE-Test (174, 100)
Er ist der kürzeste Fragebogentest und enthält 4 Fragen:
1. Haben Sie einmal das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren
Alkoholkonsum verringern sollten?
2. Hat Sie jemand einmal durch Kritisieren Ihres
Alkoholtrinkens ärgerlich gemacht?
3. Haben Sie sich wegen Ihres Alkoholtrinkens einmal
schlecht oder schuldig gefühlt?
4. Haben Sie einmal morgens als erstes Alkohol getrunken, um
sich nervlich wieder ins Gleichgewicht zu bringen oder einen Kater
loszuwerden?
Zwei oder mehr positive Antworten kennzeichnen einen
Problemtrinker. Der Test zeigt eine Überraschend hohe Sensitivität.
Frage
2: Wie
geht man als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin am besten mit
Alkoholkranken um?
Gliederung:
Sozialpädagogische Einstellung
Haltung beim Einzelgespräch
Verhalten bei Rückfällen
Ko-Abhängigkeit
Notwendige sozialpädagogische
Einstellungen im Umgang mit Alkoholkranken:
- Achtung
und Annahme des Klienten als vollwertige Persönlichkeit im
Ausnahmezustand des Krankseins
- Annahme
seiner Verhaltensweisen und Reaktionen in dem Bemühen, auslösende
Faktoren transparent zu machen, zu verstehen und für die
Therapie zu nutzen
- Aufbau
eines Vertrauensverhältnisses, das es dem Klienten erlaubt,
sich zu zeigen, wie er wirklich ist, denkt und fühlt, ohne
Vorhaltungen, Ablehnung und Ratschläge befürchten zu müssen
- Loslassen
des Klienten, um ihn in seine Eigenverantwortung zu stellen und
ihn mehr zu begleiten als zu behandeln
- Angebot
von Hilfen zur Selbsthilfe unter sorgfältiger Beurteilung der
Handlungsmöglichkeiten des Klienten
- Ansprechen
des gesunden Persönlichkeitsbereiches des Klienten anstatt des
Kampfes gegen seine kranken Anteile
- durchgehende
Konsequenz, um dem Klienten zu helfen, unrealistisches Verhalten
zu erkennen und aufzugeben (nur ankündigen, was realisierbar
ist und dieses dann durchführen)
- Echtheit
und emotionale Wärme
- Kritische
Überprüfung eigenen Verhaltens und eigener Motivation
- sowie
kritische Beurteilung des Verhältnisses zum Klienten, um
gegenseitige Anpassungsprozesse zu verhindern, die die helfende
Beziehung zur gegenseitigen Notwendigkeit machen.
Einstellung beim Einzelgespräch
und was man vermeiden sollte:
Lothar Schmidt (1997 S. 239- 241) stellt die beratende und
therapeutische Grundhaltung besonders gut dar. Alles was er
schreibt, gilt in gleicher Weise für die Soziale Arbeit mit
Alkoholkranken:
Psychotherapie geschieht immer dann, wenn sich Therapeut und
Alkoholiker in mitmenschlicher Weise begegnen und sich gegenseitig
annehmen, wenn Lebenszusammenhänge und die Welt des Patienten vom
Arzt bzw. Therapeuten ernst genommen und in gemeinsamer Arbeit
Fehlentscheidungen, Konflikte und Engpässe aufgesucht und gelöst
werden. Dafür stehen heute zahlreiche psychotherapeutische
Instrumente zur Verfügung. Da es den typischen Alkoholiker nicht
gibt, darf man nicht der Versuchung unterliegen, den Patienten in
ein psychotherapeutisches Denkmodell hineinzuprojizieren.
Nach der heutigen Sicht der meisten Therapeuten geht es am
Beginn der Behandlung nicht darum, dass sich der Patient in einem
viel Zeit fordernden Prozess seiner frühkindlichen Traumen und
Fehlverhaltensprogrammierungen bewusst wird, sondern heute und
jetzt das Glas stehen lässt, heute und jetzt bereit ist,
Verantwortung für sich zu übernehmen und neues Verhalten zu üben.
Zeigen sich während seines Gesundungsprozesses nach längerer
Abstinenz neurotische Fehlleistungen, so sind die Grundstörungen
zu erkennen und zu behandeln.
Am Beginn der Begegnung zwischen Alkoholiker und Arzt bzw.
Therapeut steht in aller Regel das Einzelgespräch. Das Gesprächsergebnis
hängt nicht nur von der Motivation des Patienten, sondern auch
von der Einstellung seines Gesprächspartners ab. Das Gespräch
wird um so beziehungsfördernder sein, je mehr von seiten des
Arztes bzw. des Therapeuten Annahme, Anteilnahme, Verstehen, Wärme
und Wertschätzung Lind um so weniger negative Kritik, Vorwürfe
und Ermahnungen vermittelt werden. Aktives Zuhören als wertvolle
Form der Zuwendung erweist sich oft motivierender als Ratschläge.
Diskussionen über Trinkgründe sind weitgehend zu vermeiden.
Notwendige Informationen über Formen und Ablauf der
Alkoholkrankheit sowie über Behandlungswege sollten den Patienten
befähigen, sich selber zu diagnostizieren und Pläne für seine
Behandlung zu erarbeiten. Der Patient wird zum Arbeitspartner und
nicht zum Arbeitsobjekt.
Wahrend der Einzelgespräche sollte sich der Arzt bzw.
Therapeut eigener Emotionen die der Patient bei ihm auslöst,
bewusst werden. Eigene Wertvorstellungen dürfen nicht zur
Beurteilung des Patienten herangezogen werden. Um ihn zu verstehen
und annehmen zu können, ist es deshalb wichtig, eine Längsschnittübersicht
über seine Entwicklung und Umwelt zu gewinnen.
Nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt bzw. Therapeut
kann den Gesprächsverlauf durch fehlerhaftes
Verhalten empfindlich stören oder sogar einen Gesprächsabbruch
veranlassen. Das Gespräch und sein therapeutischer Wert werden
gefährdet, wenn der Arzt bzw. Therapeut statt sich um Empathie zu
bemühen von seiner Moral- und Wertvorstellung ausgehend,
moralisiert und verurteilt, statt hinzuhören, selbst zu viel
redet, statt Entscheidungen dem Patienten zu überlassen, diesen
zu überreden versucht, statt zu hinterfragen, wertend beurteilt
statt auf Gefühle des Patienten zu achten, Ratschläge austeilt
statt Interesse und Annahme zu signalisieren, Ungeduld und
Unaufmerksamkeit vermittelt, aber auch statt opportunistische
Anpassungen zu erkennen, gefügige Haltungen als Einsichtig -keift
und Behandlungsbereitschaft fehldeutet."
Verhalten bei Rückfällen:
(Schmidt 1997, S. 270)
Alkoholiker, die ihre
Krankheit nicht selten im Verlauf vieler Jahre entwickeln, benötigen
häufig auch einen langen Zeitraum zur Gesundung. Dabei kann es zu
einigen Rückfällen kommen. Es gibt zahlreiche Krankheiten mit
Rezidiven, die den Kranken meistens zum Aufsuchen ärztlicher
Hilfe veranlassen. Dagegen neigt der Alkoholiker beim Auftreten
eines Rezidivs zum Rückzug, zur Flucht und Isolation, um möglichst
Diskriminierung und Vorwürfe zu vermeiden. Der Rückfall führt
sehr schnell zur Reaktivierung alter Abwehrmechanismen, emotional
gesteuerten Denkens sowie zur alten Ambivalenz, abstinieren und
gleichzeitig trinken zu wollen. Jeder Rückfall bedeutet einen
Vertrauensschwund sich selbst sowie andern gegenüber und ist
besonders für Alkoholkranke, die sich die Bereitschaft zur völligen
Abstinenz gewissenhaft und oft schmerzlich erarbeitet haben, eine
tiefe Enttäuschung und Entmutigung. Darum sind Vorwürfe nicht
angebracht.
Besteht jedoch eine Atmosphäre
des Vertrauens, die es dem Kranken ermöglicht, sich in seiner
Realität anzunehmen und zu zeigen, ohne Vorhaltungen erwarten zu
müssen, wird auch der Alkoholiker bei einem Rezidiv den Arzt bzw.
Therapeuten aufsuchen. Dann kann der Rückfall therapeutisch
genutzt werden und für den weiteren Gesundungsweg wertvoll sein.
Die Einsicht, nicht mehr kontrolliert trinken zu können, wird
vertieft, die Selbstannahme als Alkoholiker erleichtert und die
Bereitschaft zur Persönlichkeitsarbeit aktiviert. Sucht der
Patient unmittelbar nach einem Rückfall Hilfe auf, so kann er
meistens sein Trinken rasch beenden. Rückfälle können ohne
klinische Hilfe dauerhaft beendet werden, wenn sie zeitlich und in
ihr Häufigkeit begrenzt bleiben (81).
Was ist
ein Co-Abhängiger? Wie kann ich
Co-Abhängigkeit vermeiden und wie kann ich Co-Abhängige beraten?
Du kannst einen anderen
Menschen nicht direkt süchtig machen, es sei denn Du wendest
Gewalt an oder verabreichst ihm lange Zeit Drogen. Ein
Co-Alkoholiker macht also niemanden zum Alkoholiker, er/sie ist
auch nicht unbedingt jemand, der mit dem Alkoholiker trinkt, also
kein Trinkkumpan. Aber was dann ... ? Er/sie ist ein Kompagnon,
ein unwissentlich Verbündeter des Abhängigen und ein doppelter
Teilhaber an der Krankheit: Er kriegt "seinen Teil ab"
und er trägt ungewollt seinen Teil dazu bei, dass die Abhängigkeit
sich verfestigt.
Ein co-abhängiges Verhalten
zeigt sich bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten, bei Vater und
Mutter, Ehefrauen und -männern, Ärzten und Therapeuten, Freunden
und Geschwistern und sogar bei den eigenen Kindern, wenn sie-.
Verantwortung für den Abhängigen übernehmen, sein Verlangen
entschuldigen oder rechtfertigen, ihm/ihr Belastungen abnehmen
oder ersparen wollen, das Verhalten des Abhängigen kontrollieren,
indem sie Verstecke, in denen der Abhängige seine Suchtmittel
verbirgt, suchen; ihn von Alkohol und Trinkanlässen fernhalten,
ihn beim Lügen ertappen wollen usw., selber unaufrichtig dem Abhängigen,
anderen Personen oder sich selbst gegenüber sind, was die
Tatsachen und Gefühle bezüglich der Abhängigkeit betrifft.
Als Folge davon hat der
Co-Alkoholiker oft selber Schwierigkeiten mit sich und braucht
Hilfe. Das ist ihm meist ebenso wenig klar wie dem Abhängigen in
Bezug auf seine Person. Der Co-Abhängige ist ebenfalls abhängig,
und zwar in seinem Wohlbefinden abhängig von seinen oben
genannten Eigenheiten. Er fürchtet, sich andernfalls vor der
Verwandtschaft schämen zu müssen, an Ansehen zu verlieren oder
den Partner zu verletzen und ihm zu schaden. Er hat das Gefühl,
er dürfe damit nicht aufhören. Wenn es Dir zur Zeit so ergeht,
dann hast Du sicher "vernünftig" klingende Begründungen
dafür, warum Du Dich so verhalten "musst". Und je mehr
Kummer der Alkoholiker Dir bereitet, desto mehr kümmerst Du Dich
um ihn, so dass sich die Spirale der Co-Abhängigkeit immer
dichter dreht.
Was kannst Du nun tun, wenn
Du Dich von diesem Verhaltensmuster befreien willst? Zuallererst
solltest Du die Nähe von Mitbetroffenen suchen, also Dich an eine
Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe wenden. Außerdem kannst Du
die folgenden Ratschläge überdenken und beherzigen:
- Ich
kann am Trinken des Abhängigen nichts ändern, denn er
"muss" noch trinken. Ich drohe also nicht und ich
kontrolliere nicht mehr, obwohl es mir natürlich nicht gleichgültig
ist, solange ich noch etwas für ihn/sie empfinde.
- Ich
verstehe wie krank er/sie ist. Trotzdem werde ich sein Verhalten
und dessen Auswirkungen auf mich nicht länger tolerieren. Ich
setze klare Grenzen, was ich in Kauf nehme und was nicht. Ich
sage meinem Partner verbindlich, was ich dann tue.
- Ich
ignoriere das Trinken, d.h. ich nehme es zur Kenntnis, aber ich
tadele es nicht, ich spiele nicht Detektiv, ich lasse Lügen so
stehen und verwickle mich nicht in derartige Diskussionen.
Allerdings verwöhne und versorge ich ihn auch nicht.
- Ich
tue etwas für mich. Wenn der andere sich nicht ändert, wie
kann ich trotzdem so gut wie möglich leben, Glück und
Zufriedenheit finden? Wie kann ich dies umsetzen, wenn ich mich
nicht vollständig von ihm lösen will? Wenn Du als Partner /
Freund / Arbeitskollege auf die letzte Frage antworten möchtest-
"Das geht nicht, das gibt es nicht!", dann solltest Du
umgehend für Dich selber Hilfe suchen. Diese Hilfe wird im
wesentlichen darin bestehen, Dich selbst besser zu verstehen und
offene, klare Äußerungen und Verhaltensweisen zu fördern, die
die Verantwortung jedes einzelnen regeln und der Entstehung von
negativen Gefühlen vorbeugen.
Quelle: Ralf Schneider: Die
Suchtfibel, 1996 Röttger-Schneider-Verlag
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Frage3:
Welche
Therapien wird von Ärzten und Ärztinnen oder Therapeuten und
Therapeutinnen angewandt?
Gliederung:
Entgiftung
Entzug
Entwöhnung
Therapien
Prognose
Lothar Schmidt (1997, S. 224) weist darauf hin, dass vor dem
Entzug häufig durch den Arzt eine akute Alkoholintoxikation (Vergiftung)
behandelt werden muss. Da die Patienten häufig bewusstlos
eingeliefert werden, muss immer damit gerechnet werden, dass
andere Drogen mitspielen oder dass ein Suizidversuch vorliegt.
Auspumpen des Magens soll erfolgen und der Mageninhalt soll immer
auf Medikamente untersucht werden. Dort sind weitere Angaben zu
finden.
Entzug
Unter Entzug versteht man zum
einen den Zustand nach dem Absetzen des Alkohols mit Einsetzen
diverser Entzugserscheinungen. Zum anderen ist mit Entzug das
Absetzen des Alkohols unter ärztlicher Aufsicht gemeint. Dabei
wird versucht, die schlimmsten Entzugserscheinungen und
insbesondere ein Delir oder einen Krampfanfall zu vermeiden. In
Deutschland ist das Mittel der Wahl meist Distraneurin
(Clomethiazol), auch Haldol (Haloperidol), gegen Krämpfe zusätzlich
Tegretal (Carbamazepin). Zu einem freiwilligen Entzug ist der Abhängige
meist erst nach dem Eingeständnis der völligen Niederlage
bereit. Ein gerichtlicher Beschluss kann in besonderen Fällen
angeordnet werden. Der Entzug sollte auf einer geschlossenen
Entzugsstation erfolgen (meist in der Psychiatrie). Ein
allgemeines Krankenhaus ist denkbar schlecht geeignet, da der
Patient -wie die Erfahrungen zeigen - hier leichten Zugang zu
Alkohol durch die offene Station hat (die ersten Tage sind
besonders kritisch). Ein Selbstentzug zu Hause kann lebensgefährlich
werden !
Ein Entzug in einer speziellen
(psychiatrischen) Entzugsstation hat einen weiteren entscheidenden
Vorteil- Viele Kranke treffen hier zum ersten Mal auf gleichartig
Betroffene in der gleichen Situation. Der Meinungsaustausch kann
hier den ersten Weg zur Genesung ebnen, außerdem sind meist
Psychologen und Sozialarbeiter im Behandlungsteam und lindern die
oft massiven persönlichen Probleme. Des weiteren finden
Gruppen-Aktivitäten statt, ein freiwilliger Hausdienst bringt
Beschäftigung und Abwechslung in die unangenehmen, entzügigen
Tage. In einem allgemeinen Krankenhaus findet sich der entzügige
Patient meist alleingelassen mit verständnislosen Mitpatienten.
(Der Zugriff auf die Distra-Flasche im verwaisten Stationszimmer
ist häufiger als Pfleger und Ärzte meinen.)
Entwöhnung In der
Entzugsbehandlung (8 - 14 Tage) klingen nur die körperlichen
Entzugssymptome ab. Psychische Entzugserscheinungen bestehen in
der Regel längere Zeit fort. Da die einmal erworbene Abhängigkeit
lebenslang bestehen bleibt, muss der Kranke lernen, damit trocken
zufrieden leben zu können. Diesem Lernprozess dient die Entwöhnungsbehandlung
als Reha-Maßnahme. Sie wird auf Antrag in speziellen
Reha-Kliniken durchgeführt und dauerte bisher 4 bis 6 Monate. Die
Kosten trägt in der Regel die Rentenversicherung.
Im Zuge der jüngsten
Sparbeschlüsse im Gesundheitswesen werden sich einschneidende Änderungen
zugunsten der Kurzzeittherapie (6 - 8 Wochen) bzw. der ambulanten
Therapieformen ergeben. Zweit- und Auffrischungskuren werden
erschwert, z.T.. strikt abgelehnt. Diese Entwicklung ist ein
absolut unverständlicher Schritt in die falsche Richtung!
Lothar Schmidt (1997,S. 225) warnt vor der Vergabe von
Beruhigungsmitteln, weil sie sehr schnell zu einer Politoxikomanie
(Abhängigkeit von vielen Giften) führen kann.
Entwöhnung
Lothar Schmidt (1997, S. 229) berichtet vom Einsatz
alkoholsensibilisierender Medikamente. Das sind Medikamente, die
zu einer Unverträglichkeit des Alkohols beim Patienten führen.
Er steht diesen jedoch sehr skeptisch gegenüber, da es den
Entscheidungsprozess und die Willensbildung des Patienten
untergraben könne. Dort nähere Angaben, unter welchen
Bedingungen sie dennoch sinnvoll sein kann.
S. 235ff wird über Anti-Craving-Substanzen berichtet. Craving
(engl. sich sehnen) bezeichnet ein starkes Verlangen nach Alkohol.
Da das Craving auch nach langer Abstinenz häufig zu Rückfällen
führt, ist man auf der Suche nach einer medikamentösen
Reduktions-Substanz. Acamprosat ist ein Medikament, das große
Vorteile bietet und keine Suchtsymptome zeigt. Es wird in
der regeln nach der Entgiftung gegeben und mindestens ein
halbes Jahr verabreicht. Es kann, das betont Schmidt (S. 238f),
eine Psychotherapie nicht ersetzen, denn Alkoholiker benötigen
zur "Veränderung eine intensive Persönlichkeitsarbeit.
Therapie
Die Psychotherapie kann in Einzelgesprächen oder als
Gruppentherapie erfolgen.
Schmidt (1997, S. 244ff) gibt die Voraussetzungen, die
Zusammensetzung und die Gruppengröße, sowie den üblichen
Verlauf einer optimalen Sitzung an.
Als Behandlungsinstrumente der Therapie nennt Schmidt (1997, S.
247 ff):
- Die Realitätstherapie
nach Glaser. Sie fragt nicht nach dem "warum", sonder
nach dem "was". Was kann der Patient jetzt tun, um
sein Leben besser zu gestalten. Glück und Selbsterfüllung sind
nicht Voraussetzung, sondern Folgen des Nicht-mehr-trinkens.
Realitätstherapie bezieht sich auf die Gegenwart und macht
keine Vorwürfe. Es geht darum , den Realitätsbezug zu stärken.
- Gesprächspsychotherapie
nach Rogers soll das Selbstvertrauen, die Selbstwahrnehmung und
die Selbstachtung des Patienten stärken. Die Erfahrung von
Schmidt geht dahin, dass diese Methode eine sehr gute Ergänzung
ist, aber alleine nicht ausreicht.
- Verhaltenstherapie
nach Skinner, Lindsley und Eysenck geht von einer
Konditionierung des Verhaltens aus und versucht eine
Gegenkonditionierung zu erreichen. Wichtig ist dabei das
Belohnungsprinzip. Es wurden laut Schmidt folgende Verfahren
eingesetzt: Aversionstherapie mit Brech- und
Ekelreaktionen mit unbefriedigendem Ergebnis. Punkte-Belohnungsverfahren
ist vor allem bei schwer hirngestörten, infantilisierten
Patienten einsetzbar.. Systematische Desensibilisierung hilft
beim Abbau von Ängsten und erleichtert damit den Einsatz
anderer Mittel. Selbstbehauptungstraining übt
Situationen vorher per Rollenspiel durch bis sie
"sitzen" und kann dabei recht erfolgreich sein.
Soziales Lernen durch Nachahmung wird vor allem in Gruppen
eingesetzt und ist ein Grundprinzip des Erfolgs der Anonymen
Alkoholiker. Erfolgreiche Verhaltensänderungen werden vorgelebt
und mit positiven Werten und der Sinnfrage des Lebens
verkoppelt. Rational emotive Therapie nach Ellis übt
neue Verhaltensweisen zuerst in Gedanken bis sie selbstverständlich
werden.
- Psychodrama
nach Moreno wird von Schmidt sehr positiv beurteilt, da es sich
"wertvolle therapeutische Methode zur Verhaltensänderung"
erwiesen habe.
- Gestalttherapie
nach Perls zielt auf das Wiederentdecken der Gefühle im
Hier und Jetzt, um zu einem glücklichen Leben zu finden. Jeder
ist für sich verantwortlich, was bei Alkoholikern eine wichtige
Wende bedeuten kann, da sie anderen die Schuld und Verantwortung
an ihrem Verhalten zuordnen neigen.
- Transaktionsanalyse
nach Berne analysiert das Verhalten auf mehreren Ebenen. Sie
wird von Schmidt sehr geschätzt. Näheres bitte dort nachlesen.
- Schmidt erwähnt
weiterhin als hilfreiche Begleitinstrumente; Muskuläre
Entspannungsübungen ("Alkoholiker gewinnen damit - wie
mit dem autogenen Training - ein wertvolles Instrument,
Spannungen zu lösen, sich ruhigzustellen, unter Umständen
Schlaflosigkeit zu beseitigen und sich besser zu konzentrieren.
S. 262), Autogenes Training und Hypnose ("Die
Gruppenhypnose hat sich somit als therapeutisches Instrument für
die Behandlung Alkoholkranker bewährt." S. 267)
- Systemische
Therapie sieht die Sucht nicht als Krankheit, sondern
"als Ausdruck eines Entscheidungsprozesses" und den Süchtigen
als "Repräsentant seines Beziehungssystems" (267).
Sucht kann beziehungsregulierend sein und die Therapie muss
aufklären, welche Rolle sie im System spielt. ,
Aus der Suchtfibel:
Der sicherste und zugleich
kostenlose Weg eine Entwöhnung vom Alkohol zu erreichen, bleibt
nach wie vor die Selbsthilfegruppe. Viele Betroffene haben hier
ihren zufriedenen Lebensweg gefunden. Dieser Alternative wird zukünftig
weit mehr Gewicht zufallen als bisher. Die Gespräche, die eigene
und die leidvollen Erfahrungen anderer Gruppenmitglieder helfen
zur Einsicht, dass ein Leben ohne Alkohol erfüllter sein kann,
als man es vorher je zu glauben vermochte.
Lothar Schmidt (1997, S. 270f)
Zur Prognose
der Alkoholismusbehandlung
Die meisten Alkoholkranken können
erfolgreich behandelt werden. Hinsichtlich der Therapie und
Prognose des Alkoholismus bestehen einige Vorurteile,
traditionelle Vorstellungen und Erwartungshaltungen, die einer
kritischen Prüfung nicht standhalten. So finden sich bei uns
nicht nur häufig Unterbewertungen ambulanter und kürzerer
stationärer Behandlungen, sondern auch Fehlbeurteilungen über
Behandlungsaussichten. Noch vor einigen Jahrzehnten wurde in
medizinischen Fachzeitschriften vom "unheilbaren
Alkoholiker" gesprochen (154). Auch heute begegnet man häufig
der Meinung, dass Alkoholikerbehandlung weitgehend erfolglos und
damit sinnlos sei. Bei einer Umfrage vertraten 1981 nur 3 % der
Bundesbürger die Überzeugung, dass die meisten Alkoholkranken
wirksam behandelt werden können (514). Die Therapieergebnisse
widersprechen dieser Ansicht.
Alkoholiker, die ihre Krankheit
nicht selten im Verlauf vieler Jahre entwickeln, benötigen häufig
auch einen langen Zeitraum zur Gesundung. Dabei kann es zu einigen
Rückfällen kommen. Es gibt zahlreiche Krankheiten mit Rezidiven,
die den Kranken meistens zum Aufsuchen ärztlicher Hilfe
veranlassen. Dagegen neigt der Alkoholiker beim Auftreten eines
Rezidivs zum Rückzug, zur Flucht und Isolation, um möglichst
Diskriminierung und Vorwürfe zu vermeiden. Der Rückfall führt
sehr schnell zur Reaktivierung alter Abwehrmechanismen, emotional
gesteuerten Denkens sowie zur alten Ambivalenz, abstinieren und
gleichzeitig trinken zu wollen. Jeder Rückfall bedeutet einen
Vertrauensschwund sich selbst sowie andern gegenüber und ist
besonders für Alkoholkranke, die sich die Bereitschaft zur völligen
Abstinenz gewissenhaft und oft schmerzlich erarbeitet haben, eine
tiefe Enttäuschung und Entmutigung. Darum sind Vorwürfe nicht
angebracht.
Besteht jedoch eine Atmosphäre
des Vertrauens, die es dem Kranken ermöglicht, sich in seiner
Realität anzunehmen und zu zeigen, ohne Vorhaltungen erwarten zu
müssen, wird auch der Alkoholiker bei einem Rezidiv den Arzt bzw.
Therapeuten aufsuchen. Dann kann der Rückfall therapeutisch
genutzt werden und für den weiteren Gesundungsweg wertvoll sein.
Die Einsicht, nicht mehr kontrolliert trinken zu können, wird
vertieft, die Selbstannahme als Alkoholiker erleichtert und die
Bereitschaft zur Persönlichkeitsarbeit aktiviert. Sucht der
Patient unmittelbar nach einem Rückfall Hilfe auf, so kann er
meistens sein Trinken rasch beenden. Rückfälle können ohne
klinische Hilfe dauerhaft beendet werden, wenn sie zeitlich und in
ihr Häufigkeit begrenzt bleiben (81).
Der Behandlungserfolg hängt -
wie beschrieben - von zahlreichen Faktoren ab, deren Bedeutung
unterschiedlich bewertet wird. Krisen und emotionale Erschütterungen,
die im Zusammenhang mit Alkoholkonsum auftreten und von
Alkoholikern treffend als "Tiefpunkt" bezeichnet werden,
können die Prognose verbessern. Deshalb sind Patienten mit
fortgeschrittene Krankheitsbild und negativen Alkoholerfahrungen häufig
prognostisch günstiger zu bewerten als "Krankheitsanfänger".
Nachdem Alkoholismus als Familien- und Umfeldkrankheit erkannt
worden war, konnte durch Einbeziehung von Partnern, Bezugspersonen
und Vertretern des Arbeitsplatzes in die Therapie, die Prognose
deutlich gebessert werden. Außerdem verbesserten sich die
Behandlungserfolge durch eine intensive aktive Mitarbeit in den
Selbsthilfegruppen.
(...) In diesem Zusammenhang muss
auch auf die bemerkenswerte Zahl von "Spontanheilungen"
hingewiesen werden, bei denen Patienten spontan ihren
Alkoholkonsum beenden und abstinent bleiben."
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Zusammenfassung:
1. Es gibt sehr sichere Zeichen, die auf ein Vorliegen einer
Alkoholkrankheit hinweisen. Sie sollten nur in der Summe als gültig
angesehen werden, da einzelne auch ohne Vorliegen eines
Alkoholmissbrauchs auftreten können (z.B. Dupuytrensche
Kontraktur oder Leberkrankheiten): Wichtig vor allem die Hautveränderungen
in Gesicht und an den Händen. Mit der Zeit entwickelt man einen
Blick für typische Alkoholikererscheinungen.
2. Die Grundhaltung ist die, dass Hilfe zur Selbsthilfe angeboten
wird und der Krankheitscharakter unterstrichen wird.
3. Sozialarbeiter sind keine Therapeuten. Sie sollten allerdings
wissen, welches die hauptsächlichen therapeutischen Methoden
sind.
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Test:
1. Geben Sie wichtige Erkennungszeichen für einen chronischen
Alkoholmissbrauch an. Welche sind die Erkennungszeichen
für Alkoholkrankheit.
2. Wie würde ein exemplarisch falsch
geführtes Beratungsgespräch aussehen?
3. Was sind die hauptsächlichen
therapeutischen Methoden?
4. Was ist eine Polytoxikomanie
und wann kann sie durch gutwillige Behandlung erzeugt werden?
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Literatur:
Schmidt, L. (1977). Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch.
Stuttgart, Berlin, Köln, 4. Auflage.
Schneider, R. (1996).: Die Suchtfibel. Röttger-Schneider-Verlag
(o.O.).
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